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Die aktuelle Beilage des Augustins hat den Titel “Mietenwahnsinn, Wohnungsnot, Widerstand: Wohnen in Wien 2017”. Aus dem Einleitungstext: “Im Gegensatz zum internationalen Lobgesang über die soziale Wohnungspolitik in Wien, zeigt sich heute ein erschreckendes Bild: Die Mieten explodieren, günstige Wohnungen sind knapp und immer mehr Menschen können sich die Wohnungskosten nur mehr schwer leisten. Rassismus am Wohnungsmarkt und verschärfte Zugangsrichtlinien im sozialen Wohnbau machen es für viele Bewohner_innen dieser Stadt zusätzlich schwer, angemessenen Wohnraum zu finden.”

Unter anderem mit Texten der UrbaniZm Redakteure Justin Kadi zu Lagezuschlägen im privaten Altbausektor, und Mara Verlic zu aktuellen Herausforderungen für die Gemeinnützigkeit, sowie weiteren Texten zu Zugangsbeschränkungen im Gemeindebau und einer Übersicht über Initiativen gegen den Mietenwahnsinn. Herausgegeben wurde die Beilage von Sarah Kumnig, Justin Kadi, Mara Verlic und Raphael Kiczka.

Im August als Beilage zu jedem Augustin.

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Die Diskussion rund um Wohnen und steigende Mieten dreht sich täglich weiter. Nicht nur international, sondern auch in Wien – und dieser Blog läuft Gefahr nicht mitzuhalten mit der Vielzahl an neuen Beiträgen. Hier ein paar Links zu kürzlich Veröffentlichtem mit Fokus Wien:

  • Die Initiative “Mietenwahnsinn Stoppen” des Recht-Auf-Stadt Kollektivs mit einem Aufruf was falsch läuft in Wien und vier kurzen Forderungen bezüglich Zwangsräumungen, Gemeindebau, Leerstand und Wohnen als Recht. http://www.interventionistische-linke.at/2015/04/29/recht-auf-stadt-forderungen/
  • Eine Antwort der Freien Volksrepublik Meidling:
    http://mosaik-blog.at/schwerpunkt-wohnen-vi-gentrifizierung-ist-nicht-das-groesste-problem/
  • Eine Reihe an Fragen wirft Bettina Köhler in ihrer Reflexion über die Wiederaufnahme des Gemeindebaus in der letzten MALMOE auf:
    http://www.malmoe.org/artikel/verdienen/3001
  • Und weils so gut dazupasst, hier ein Link zu einem Artikel von Jamie Peck über Austerity Urbanism. Der behandelt zwar explizit amerikanische Städte – interessante Fragen wirft er aber auch für Wien allemal auf.
    http://www.rosalux-nyc.org/en/austerity-urbanism/

Viel Spaß beim Lesen!

 

 

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Nach Agenda Austria gibt es jetzt einen zweiten neo-liberalen Think Tank in Österreich, der verstärkt in den Medien hofiert wird. ProMarktwirtschaft nennt sich der Zusammenschluss von Ökonomen, der eine “Plattform zur Meinungsäußerung für alle Ökonomen” bietet, “die der Überzeugung sind, dass

  • das marktwirtschaftliche System bei fairen Rahmenbedingungen der Politik die größten Produktivkräfte entfaltet.
  • staatliche Intervention nur als Ultima ratio ein Lösungsansatz ist, wenn sie der Abwendung größerer Schäden dient und/oder hohe soziale Kosten Folge einer unterlassenen Intervention wären.
  • die Lösungskompetenz des Marktes jener der Politik in der Regel überlegen ist, weshalb die Politik auf die Einrichtung und Einhaltung der Spielregeln der Marktwirtschaft Wert legen sollte.”

Die Überzeugung des Werts der Marktwirtschaft findet sich auch in der Beschreibung der teilnehmenden Personen, wo eines der Mitglieder zum Beispiel schreibt er “bezeichnet sich selbst als Neoliberalen und ist von der Bedeutung des Marktes in seiner Funktion als wichtigster Regulator von Angebot und Nachfrage zu vernünftigen Preisen und damit grundlegende Voraussetzung für funktionierende Volks­wirtschaften überzeugt. Mehr Markt, weniger Staat, lautet sein Credo.” Der Herr ist übrigens, laut eigener Beschreibung, auch Vorsitzender der Geschäfts­führung der Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft mbH.

Für den Wohnungsmarkt gibt es auch schon erste Empfehlungen der Plattform. DiePresse versorgt uns damit:

http://diepresse.com/home/meingeld/immobilien/1591659/Experten_Mietkontrollen-erhohen-die-Mieten?_vl_backlink=/home/meingeld/immobilien/index.do

In Kurzversion: keine Überraschungen. Mehr Neubau und De-regulierung des privaten Mietwohnungsmarkt sollte es geben. Die Argumentation für letzteres ist allerdings spannend: Man müsse sehen, dass die Mieten in regulierten Wohnungen nicht signifikant niedriger sind als in nicht regulierten. Auch die befristeten Wohnungen sind nicht signifikant niedriger als in unbefristeten. Das stellt die Regulierung in Frage.

In der Tat, das greift ein Kernproblem des derzeitigen Mietrechts auf. De jure SOLLTEN in beiden Fällen die Mieten nämlich signifikant niedriger sein. Offensichtlich wird aber diese Regel von den Vermietern großflächig nicht eingehalten und es werden zu hohe Mieten verlangt. Wieso das ein Argument sein sollte, die Regulierung abzuschaffen, geht aus dem Zeitungsartikel nicht hervor. Im Sinne der Zielsetzungen von ProMarktwirtschaft sollte vielleicht die Politik stattdessen rigider “auf die (…) Einhaltung der Spielregeln der Marktwirtschaft Wert legen“.

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Die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlicht dieser Tage eine Serie von Karten zum Thema “Gespaltene Stadt” und fragt sich, ob die Spaltung deutscher Großstädte zwischen 1991 und 2005 zugenommen hat. Vor diesem Hintergrunf werden sechs Großstädte betrachtet: Essen, Frankfurt, Berlin, Köln, Leipzig und Stuttgart.

Die interaktiven Karten zeigen in ihrer Färbung, dass die Spaltung in den untersuchten Städten durchwegs zugenommen hat. Besonders stark sind die Veränderungen laut farblicher Skalierung in Stuttgart und Berlin.

Die Operationalisierung des Konzepts “Spaltung der Stadt” wirft allerdings einige Fragen auf. Die Artikelunterschrift suggeriert, dass es in den Karten um die Veränderung von einkommensbedingter Segregation in deutschen Städten geht, wenn es heißt: “Großstädte teilen sich immer heftiger in arme und reiche Wohnviertel. Unsere interaktive Grafik zeigt an sechs Städten, wie es früher war und wie es heute ist.”

Simpel ließe sich dies zum Beispiel darstellen durch eine Karte mit positiver / negativer Veränderung im Medianeinkommen eines Viertels im Vergleich zum Medianeinkommen in der gesamten Stadt. Verändern sich einige Viertel positiv in ihrer Abweichung und andere negativ, könnte das als ein Indikator für zunehmende Einkommensegregation herangezogen werden. Eine andere Möglichkeit wäre eine Indizierung der Viertel gemessen am reichsten Viertel. Nimmt der Unterschied des Medianeinkommens in ärmeren Vierteln gemessen zum Medianeinkommen im reichsten Viertel ab, kann das als Indikator für eine Abnahme in der Einkommenssegregation herangezogen werden, und vice versa.

Die in der FAZ dargestellten Karten wählen allerdings einen wesentlich simplifizierteren Weg. Die “Spaltung der Stadt” wird operationalisiert durch den Anteil an Sozialhilfeempfängern in einem Viertel. Weisen also im Jahr 1991 zum Beispiel drei Viertel in der Stadt einen Sozialhilfeempfängeranteil > 15 % auf und im Jahr 2005 zum Beispiel fünf wird das – so suggerieren jedenfalls die Karten – als eine zunehmende Spaltung der Stadt interpretiert.

Dieser Schluss scheint allerdings problematisch.  Unklar bleibt beim Heranziehen des Sozialhilfeempfängeranteils, wie sich die Einkommen von denen mit hohem Einkommen verändert haben. Auf Ebene eines Viertels mit steigendem Sozialhilfeempfängeranteil wäre es durchaus möglich, dass auch die Einkommen von jenen mit höherem Einkommen gesunken sind, und daher der steigende Anteil derer mit Sozialhilfe nicht zu einer Spaltung des Viertels geführt hat. Auf Ebene der Stadt ist es ebenso möglich, dass auch in jenen Vierteln in denen sich der Anteil der Sozialhilfeempfänger nicht verändert hat – oder sogar zurückgegangen ist – die Einkommen von höherverdienenden verringert haben – und damit gesamtstädtisch die Einkommenssegregation nicht zugenommen hat. Veränderung von höheren Einkommen sind allerdings mit dem Indikator “Anteil an Sozialhilfeempfängern” nicht abzubilden, schon allein deshalb, weil geringe Veränderungen in hohen Einkommen nicht dazu führen, dass Haushalte unmittelbar zu Sozialhilfeempfängern werden. Die gezogenen Schlüsse erscheinen daher äußerst fragwürdig.

Noch fragwürdiger ist allerdings die auf der problematischen Operationalisierung beruhenden Legendenbeschriftung der Karten. Der Anteil der Sozialhilfeempfänger wird hier abgestuft von niedrig nach hoch wie folgt:

  • Armes Viertel (15 und mehr)
  • Gefährdetes Viertel (10 bis 15)
  • Gutes Viertel (5 bis 10)
  • Reiches Viertel (0 bis 5)

Zwei Problem hierbei: Erstens kann, analog zum oben beschriebenen Beispiel, auf Basis des Indikators “Anteil Sozialhilfeempfänger” kein Schluss gezogen werden über die Einkommenssituation in einem gesamten Viertel. Es ist durchaus möglich, dass in einem Viertel der Anteil der Sozialhilfeempfänger steigt, die Einkommen der reicheren Haushalte allerdings ebenso steigt, und damit das Viertel – im Durchschnitt – reicher (!) wird. Das würde zwar auf eine zunehmden Spaltung des Viertels hinweisen – da aber die Einkommenssituation der reichen Haushalte unbekannt ist, kann nicht der Schluss gezogen werden, dass das Viertel insgesamt ärmer geworden ist.

Das zweite Problem ist ein politisches, nämlich die normative Beschriftung. Die Skala “arm – gefährdet – gut – reich” suggeriert recht eindeutig, dass reiche Viertel gut, arme Viertel schlecht sind. Dieser Kategorisierung fehlt nicht nur der Bezug zur Ausgangsfragestellung, i.e. die Spaltung der Stadt, sondern deutet sie auch darauf hin, dass die Politik danach streben sollte, arme Viertel zu bekämpfen und reiche Viertel zu fördern.

Aus dem amerikanischen Kontext sind Programme bekannt, in denen arme Haushalte in reichere Viertel umgesiedelt werden im Rahmen von Sozialwohnungsbaureduktionsmaßnahmen. Die wissenschaftliche Erkenntnis darüber, dass arme Haushalte besser dran sind, wenn sie nahe bei reichen Haushalten wohnen, als wenn sie nahe bei armen Haushalten wohnen ist allerdings bis jetzt sehr unklar. Im Gegenteil gibt es einige Studien, die die positiven Aspekte von Segregation aufzeigen. Eine andere Variante die Einkommenssegregation zu verringern wird in den Niederlanden seit Jahren versucht. Dort werden systematisch reichere Haushalte in ärmere Viertel gelockt, vor dem Argument dass sie “das Viertel” aufwerten. In der Realität führt die steigende Kaufkraft allerdings nicht nur zu einer Verbesserung der Einkaufs- und Wohnangebote in den Vierteln, sondern macht sie auch zunehmen unleistbar für ursprünglich ansässige, ärmere Haushalte. Eine dritte Variante, “schlechte”, arme Viertel zu verringern, wäre eine Stadt zu fördern, in der nur reiche Haushalte wohnen, arme Haushalte allerdings außerhalb, da sie ja Viertel zu “schlechten” Vierteln machen. Das, allerdings, würde wohl gänzlich der Idee einer ungespaltenen Stadt zuwiderlaufen.

Ein Ergebnis der Untersuchung scheint allerdings klar: die Armut in deutschen Städten nimmt zu. Die räumliche Manifestierung dieser Armut ist ein wichtiges Element. Der Kern ist allerdings die Frage, wie sozialpolitische Maßnahmen ausschauen können um Armut zu verringern. Ein rein räumlicher Fokus greift hier – wie mittlerweile aus unzähligen Studien bekannt – eindeutig zu kurz. Mit geeigneten Maßnahmen zur Verringerung von Armut löst sich auch die Frage von räumlicher Polarisierung – wenn sie denn existiert – und wenn sie denn tatsächlich ein Problem darstellt.

Der Link zu den Karten übrigens nochmal hier.

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Wie bereits im letzten Post “Albtraum Wohnungsmarkt” suggeriert, hat die städtische Wohnungskrise unterschiedliche Dimensionen, die sich nur bedingt lediglich auf Basis der Dimension Einkommen verstehen lassen. Schwangere, alleinstehende Frauen haben vor allem Probleme in Wien eine leistbare Wohnung zu finden, wie im besprochenen Zeitungsartikel dargelegt. Die FAZ beleuchtet heute die Dimension Alter als eine weitere Wichtige. In diesem Video-Kurzbeitrag wird dargelegt, dass es vor allem jüngere Leute sind, die zunehmend unter der städtischen Wohnungsknappheit leiden. Studenten in Hamburg, wie der Beitrag berichtet, haben oft nur die Möglichkeit illegal ein Zimmer unterzumieten um eine Bleibe in der Stadt zu finden.

Der Beitrag thematisiert zwar die Situation in Hamburg, die Debatte ist allerdings nicht nur eine deutsche. Was im akademischen Diskurs als “inter-generationelle Wohnungskrise” diskutiert wird – also dass sich vor allem jüngere Leute Wohnen nicht mehr leisten können – thematisiert zum Beispiel der Guardian hier für Großbritannien vor einigen Wochen. Eine interessante Arte-Doku findet sich hier über die Situation in Frankreich, mit besonderem Bezug auf die Wohnsituation von Kindern. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik mit Bezug auf die Hintergründe der vor allem junge Leute betreffenden Wohnungsprobleme findet sich hier.

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Isabella Lechner veröffentlichte auf dieStandard am 3. Dezember vom eine Reportage über die Situation von alleinerziehenden Müttern am Wiener Wohnungsmarkt. Dabei klagen eher katholische und Pro-Life Verbände wie die Aktion Leben über die  Situation in Wien. Es scheint etwas seltsam, dass dieStandard diesen Vereinen eine Bühne sam Spendenaufruf bietet, wo doch andere Teile der Redaktion möglicherweise dagegen Sturm laufen.

Das geschilderte Problem ist jedenfalls, dass der Eintritt in den privaten wie auch in den genossenschaftlichen Wohnungsmarkt aufgrund von hohen Kautionen und geforderten Einkommensnachweisen vielen AlleinerzieherInnen schwierig bis unmöglich ist. Den Hilfseinrichtungen stehen zwar eine begrenzte Anzahl an Interventionsmöglichkeiten zur Verfügung diese scheinen aber schon lange ausgeschöpft.

Die darunterstehenden Kommentare zeigen wohl wunderbar den Zynismus des Publikums einer “Wirtschaftzeitung”: Es wird geklagt über arme geknechtete WohungsbesitzerInnen, den gequälten Immobilienmarkt und die trotz ihres mutmaßlichen  Reichtums jammernden AlleinerzieherInnen in Substandard-Wohnungen.

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Die Wiener Gratiszeitungen sind der Stadt – insbesondere dem Wohnbaustadtrat – oft erstaunlich wohlgesonnen.

So fand sich in Österreich am 9. Oktober direkt über den Bericht über den ersatzlosen Abriss eines Gemeindebaus – also einer Maßnahme der Verminderung des kommunalen Wohnhausbestands – ein Artikel mit dem Titel “Wohnen bleibt leistbar” inklusive Foto des Herrn Wohnbaustadtrat.

Muss man neben einen kritischen Artikel einen freundlichen setzen? Ist das Ausgewogenheit á la Österreich? Gab oder gibt es bei Österreich auch eine Vorgabe, dass man Anzeigenkunden eine “wohlwollende PR Berichterstattung” zukommen lassen soll?

Ein Höhepunkt der PR-Berichterstattung war jedenfalls die Definition des Begriffs “urban” in “heute” vom 11. September – wobei hier leider nicht mehr bekannt ist, ob es sich um ein Advertorial oder um einen “redaktionellen” Beitrag handelt. Der Titel des Beitrags ist “Lebensqualität pur: Wohnen im Grünen und Urbanität“. Links findet sich ein Foto aus einer Au – wohl die Lobau – und rechts eines vom Gewerbepark Stadlau. Naheliegend ist, dass wenn das Foto links die nahe gelegene Natur symbolisieren soll das rechts Urbanität symbolisiert. Im Text wird dann auch auf die umfassenden Einkaufsmöglichkeiten im Donauzentrum und im Gewerbepark Stadlau verwiesen. Der Gewerbepark ist derart urban, dass sich auf NORC leider keine Fotos finden – ich denke aber das Foto aus heute ergibt einen ausreichenden Eindruck.

1 comment
  1. @bagruthewi says: 11.11.201220.09

    Beitrag von @urban_izm über den ersatzlosen Abriss eines Gemeindebaus und unkritische Medienberichterstattung: http://t.co/3jRWFb3J #Wien

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Gestern wurde von JP Immobilien der erste so genannte “Wiener Grätzelbericht” vorgestellt. Der im Rahmen einer Veranstaltung am Yppenplatz präsentierte Bericht, versteht sich selbst als Guide für rentable zukünftige Anlagemöglichkeiten am Wiener Immobilienmarkt. In den Worten von JP Immobilien liest sich das so:

“Der vorliegende Bericht zeigt vier Grätzel mit langer guter Tradition, für die sich, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, ein Aufschwung voraussagen lässt. Stadteile also, wo es sich lohnt zu investieren oder sich anzusiedeln, sei es als Unternehmen, sei es als Privatperson.”

Vorgestellt werden in dem Bericht das Gebiet rund um den Hauptbahnhof – sowohl 1) Arsenal als auch innere Favoritenstraße bzw. Sonnwendviertel -, 3) das mittlerweile wohl bereits kräftig aufgewertete Gebiet rund um den Yppenplatz (in dem JP Immobilien anscheinend aber immer noch schlummerndes Investitionspotenzial vermutet), sowie 4) das Gebiet rund um den Westbahnhof. Interessanterweise liegen drei der vier Gebiete rund um ein Bahnhofsgroßprojekt. Diese dienen laut JP Immobilien Chef Müller als Impulsgeber. Des weiteren teilen alle vier Gebiete ein Charakteristikum: “eine heruntergekommene Gegend, die mit billigen Mieten Studenten und Kreative lockt”, wie diePresse Müller von der Berichtspräsentation zitiert. Man könnte wohl denselben Satz auch aus einem Gentrification-Lehrbuch zitieren.

Es sind diese vier Gebiete in Wien, für die also JP Immobilien das größte Renditepotenzial für die nächsten Jahre (aus)lobt. Interessant ist vor allem, mit welchen Charakteristika der Bericht Investoren in die vier Gebiete anlocken will. Der Brunnenmarkt zum Beispiel wird als “kulturell, künstlerisch und kulinarisch” beworben. Die türkische Prägung des Viertels wird dabei aus heutiger Sicht durchaus als ein “Asset” gesehen. Allerdings ist sie das anscheinend erst im Rahmen der Aufwertungsprozesse der letzten Jahre geworden. Denn:

“War das Eck bis vor zehn Jahren noch vorwiegend von Wienern türkischer Abstammung bewohnt, hat die Aufwertung von Brunnen und Yppenmarkt durch kreative Köpfe aller Nationen und ihre originellen Ideen innerhalb kürzester Zeit für eine frische Völkervielfalt gesorgt – ohne den Charme türkischer Geselligkeit und Lebenslust zu verlieren.”

Die ironischerweise auch in dieser Formulierung implizite Tatsache, dass die Aufwertungsprozesse der letzten Jahre zu einer Verdrängung türkischer Haushalte aus dem Viertel geführt haben, wird – nicht überraschend – in dem Bericht mit keinem Wort erwähnt. Vielmehr wimmelt es von Metaphern und Formulierungen, die Stadtentwicklung als natürlichen Prozess darstellen – eine Perspektive auf Stadtentwicklung, in der Verdrängung per se nicht existiert. Ein Beispiel findet sich gleich auf Seite 2:

“Weil aber Städte sich fortentwickeln wie lebendige Organismen, verändern sich auch die Lebensbedingungen in den Grätzeln.”

Interessanterweise hat der Bericht auch in den Tageszeitungen seinen Widerhall gefunden. Derstandard.at als auch diePresse berichten heute. Während derstandard.at lediglich eine Analyse bietet hat die Presse auch einen zweiten Artikel mit einem überraschenden Titel: “Beispiel Brunnenmarkt: Die Schattenseiten des Hypes”. Noch interessanter liest sich der Artikel, in dem Johannes Gilge, seinesgleichen Chef der Stadtforschungsabteilung in der MA18, befürchtet, dass es im Rahmen der Aufwertungsprozesse der genannten Viertel in den nächsten Jahren zu Verdrängung von einkommensschwachen Haushalten kommen könnte. Der Artikel deutet darauf hin, dass auch im Rathaus ein Umdenken über die Problematik der Verdrängung stattfindet. Bisher gab es dazu eine klare Haltung der Stadt: Verdrängung bzw. Gentrifizierung gibt es in Wien aufgrund des starken Mietrechts nicht.

Währenddessen dreht sich im übrigen die öffentliche Debatte rund um das Thema steigender Mieten in Städten weiter. In Deutschland findet man mittlerweile beinahe wöchentlich sogar einen dazugehörigen Tagesschau Beitrag. Der heutige findet sich hier.

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Aufregung gibt es im Moment in Wien um illegale Delogierungsmethoden von Hauseigentümern im 2., 20. und 5. Bezirk – über einen Fall im 2. Bezirk haben wir auf diesem Blog im ersten Teil dieses Posts bereits berichtet. Im Konkreten geht es um Schikanen von zwei Vermietern gegenüber MieterInnen, die anscheinend ein rasches Ausziehen der letzteren erreichen wollen. Laut Kurier gibt es mittlerweile Beschwerden aus 16 Zinshäusern. Die Vorwürfe reichen von unangekündigten Besuchen, Drohungen bis hin zu nicht behobenen Gas- oder Wassergebrechen. Anfang September brach in einem Haus in der Heinestraße im Besitz der zwei Vermieter ein Großbrand aus.

Geschichten über solch wüste Methoden um Mieter aus Häusern zu bekommen sind hinlänglich bekannt von Wohnungsmärkten in New York oder London. Mittlerweile sind sie allerdings auch am Wiener Immobilienmarkt angekommen. Die Vorgangsweise ist dabei meist dieselbe: Eigentümer versuchen (oftmals mit illegalen Methoden) AltmieterInnen aus Wohnungen zu bringen um das Haus “bestandsfrei” zu machen, damit es renoviert und im renoviereten Zustand teurer vermietet bzw. verkauft werden kann. Die hohe Zahlungsbereitschaft von Investoren und Anlegern für renovierte Immobilien macht dieses “Geschäftsmodell” mittlerweile auch in Wien lukrativ.

Die Wiener Stadtverwaltung ist ebenfalls auf die Fälle aufmerksam geworden. Sie bietet betroffenen MieterInnen eine Vernetzungsplattform über die MA50 sowie Ersatz für anfallende Prozesskosten aus dem Rechtshilfefonds. Details gibts hier.

Bezüglich der fortschreitenden Inwertsetzung von Wohnraum in Wien: Eine neue Möglichkeit für Kleinanleger den Wiener Wohnungsmarkt zu Kapitalakkumulationszwecken zu nutzen bietet die Firma Wienwert. Hier kann man als Miteigentümer sein Geld in Wohn- und Büroimmobilien stecken, ganz egal ob man interessiert ist an “einer hohen endfälligen Rendite (..), langfristig sicher[m] Vermögen (..), oder laufend hohen Einnahmen”. Das beschriebene Geschäftsmodell laut Wienwert.at liest sich wie folgt:

Immobilienbeteiligungen – Werthaltige Objekte in Top-Lage

Ein Objekt in Top-Lage, gute Entwicklungsmöglichkeiten und ein entsprechend hohes Wertsteigerungspotential: Das sind die erfolgreichen Bausteine, auf denen die Immobilienbeteiligungen von Wienwert aufbauen.

Bei jeder Wienwert-Immobilienbeteiligung werden Sie direkt Miteigentümer einer größeren Immobilie, die als Wohnungen oder auch Büros genutzt werden können. Entscheidend ist, dass sich diese Zinshäuser in sehr guten Lagen befinden und ein hohes Entwicklungspotential haben, etwa durch den Ausbau von Dachböden und anderer ungenutzter Flächen oder die Änderung der Wohnungsgrundrisse.

Von der damit verbundener Wertsteigerung des gesamten Objektes profitieren Sie als Investor der ersten Stunde.

Die Beschreibung der Immobilien zur Investition weist alle Charakteristika für eine mögliche zukünftige Gentrifizierung auf : Top-Lage, klassische Wiener Zinshäuser der Jahrhundertwende, solide Bausubstanz und anerkannte Architektur. Wie anders ist Wien wirklich (noch)?

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Elisabeth Mittendorfer hat unter dem Titel “In Wien fehlt der Diskurs zu Gentrifizierung” ein Interview mit Mara Verlic und Justin Kadi zum Thema Gentrifizierung in Wien veröffentlicht. Thema ist die Situation am Wiener Wohnungsmarkt und die fehlenden Diskurse über Fragen der Gentrifizierung in Wien:

http://derstandard.at/1345166255203/In-Wien-fehlt-der-Diskurs-zu-Gentrifizierung

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