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Wien wächst. Das ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Neben der natürlichen Bevölkerungsentwicklung fußt dabei ein beträchtlicher Anteil des Wachstums auf Zuwanderung. Wien ist eine attraktive Stadt zum Wohnen und Arbeiten – und das schlägt sich in einer positiven Zuwanderungsbilanz nieder.

Aber wer sind eigentlich die Personen, die nach Wien ziehen? Woher kommen sie? Und wohin in Wien ziehen sie? Ein neues Datenset der Statistik Austria gibt Einblicke in diese Fragen. Die Daten der Wanderungsstatistik, die hier zum Download bereitstehen, bilden die Wanderungen nach (und aus) Wien für die Jahre 2007 bis 2012 ab. Grundlage ist das zentrale Melderegister. Hier ein paar kurze illustrierte Fakten daraus (Grafiken durch klicken vergrößern).

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Zwischen 2007 und 2012 ist Wien durch Zuwanderung um rund 72.000 Personen gewachsen. Das entspricht einem Anteil von etwa 4,1% der Gesamtbevölkerung (Stand 2012). Tatsächlich zugewandert sind wesentlich mehr Personen, nämlich rund 462.000. Gleichzeitig haben allerdings auch 390.000 Personen Wien verlassen (rund 54% davon ins Ausland).

 

Screen Shot 2014-09-18 at 1.38.01 PMBezogen auf ihre Nationalität sind Zugewanderte höchst heterogen – siehe Grafik links. Die größte Teilgruppe machen mit etwas mehr als einem Drittel österreichische Staatsbürger aus. Deutsche, Rumänen, und Personen aus dem ehemaligen Serbien und Montenegro sind mit jeweils 6% die zweitwichtigsten Nationalitäten. Die Gruppe der “anderen” macht rund 15% aus – hierbei handelt es sich um Staatsangehörige von Ländern außerhalb der EU, exklusive den separat angeführten Ländern Russland, China, Bosnien-Herzigowina, Makedonien und der Türkei.

 

Screen Shot 2014-09-18 at 1.38.06 PMAuswanderer sind eine ebenso heterogene Gruppe. Auffallend hierbei allerdings, dass der Anteil an Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft größer ist als unter den Zuwanderern – siehe Grafik links. Die Gruppe der “anderen” macht wiederum einen großen Anteil aus, ebenso wie, interessanterweise, auch die Gruppe der Personen aus dem ehemaligen Serbien und Montenegro – seit den 1960ern eigentlich eine traditionelle Einwanderergruppe.

 

Screen Shot 2014-09-18 at 1.38.10 PMIn absoluten Zahlen ergibt sich daraus das nebenstehende Bild über die Zuwanderung nach Wien nach Nationalität in der Zeit von 2007 bis 2012. Die Gruppe der “anderen” (außerhalb der EU, exklusive China, Russland, Türkei, Serbien u. Montenegro, Kroatien, Makedonien und Bosnien-Herzigovina) ist mit fast 21.000 Personen am stärksten angewachsen, vor den Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft. 2012 wohnen rund 12.000 mehr Deutsche in Wien als 2007. Österreicher zieht es zunehmend aus der Stadt hinaus – diese Gruppe ist im Wanderungssaldo um rund 19.000 Personen geschrumpft. Der Wegzug ins Ausland ist dabei übrigens anscheinend ein wichtiger Grund für österreichische Migranten – stärker als etwa der Umzug ins suburbane Umland. Rund 2/3 der Auszügler sind ins Ausland gezogen.

 

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Nicht alle Bezirke sind für Zuwanderer gleich attraktiv beziehungsweise zugänglich. Der größte Teil der Neuankömmlinge ist zwischen 2007 und 2012 nach Favoriten, den 10. Bezirk, gezogen. Leopoldstadt, der 2. Bezirk, ist ebenfalls ein wichtiger Ankunftsort, genauso wie der 15., 16., und 20. Bezirk. Die wenigsten Personen sind in den 1. Bezirk, den 4. und den 13. Bezirk gezogen. Zuwanderer zieht es also – nicht besonders überraschend – vor allem in Bezirke mit relativ gesehen preisgünstigerem Wohnraum.

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Bei Betrachtung der Verteilung der Zuwanderer nach Nationalität über die Bezirke zeigt sich ein noch differenzierteres Bild. Die Grafik links zeigt für jede Nationalität den Anteil der Zuwanderer dieser Gruppe für jeden der 23 Bezirke. Mehrere Dinge fallen hierbei auf. Obwohl der 10. Bezirk für alle Gruppen wichtig ist, ist er es nicht gleichermaßen für alle. Österreicher, Deutsche und Rest-EU Zugehörige etwa ziehen in wesentlich geringerem Maß nach Favoriten verglichen mit Türken, Makedonieren, Bulgaren und Personen aus Bosnien-Herzigovina. Für Personen mit türkischer Staatsbürgerschaft ist neben Favoriten auch noch der 12. Bezirk ein wichtiger Ankunftsort. Auffallend ist auch, dass für Personen mit chinesischer und russischer Staatsbürgerschaft der 2. Bezirk besonders wichtig ist. Für letztere ist auch der 1. Bezirk ein häufigeres Ziel als für alle anderen Gruppen.

 

Screen Shot 2014-09-18 at 2.41.54 PMDer Blick auf die Verteilung der Gruppen auf Bezirke offenbart aber noch ein anderes interessantes Detail. Während für manche Gruppen – wie etwa Österreicher, Tschechen, Deutsche oder Rest-EU Angehörige die Verteilung über die Bezirke relativ regelmäßig ist (zu sehen an den geringen Größenunterschieden zwischen den Rechtecken in der Grafik oben) ist es für andere wesentlich unregelmäßiger – etwa Chinesen, Makedonier, Russen oder Türken. Institutionelle Wohnungsmarktbarrieren, Diskriminierung, finanzielle Lage der Haushalte, soziale Netzwerke und individuelle Wohnpräferenzen spielen alle eine Rolle, dass sich Zuwanderer aus diesen Gruppen stärker im Stadtraum segregieren. Die Grafik links zeigt die Unterschiede in der räumlichen Ungleichverteilung noch einmal anschaulicher – sie stellt für jede Gruppe die Spannweite zwischen dem Bezirk mit dem höchsten Anteil und dem Bezirk mit dem niedrigsten Anteil dieser Gruppe dar. Gruppen, bei denen in wenige Bezirken ein hoher Anteil an Zuwanderern zieht haben hier höhere Werte als jene, die gleichmäßiger über den Stadtraum verteilt sind – erstere wohnen stärker segregiert.

 

Anmerkung: Die Grafiken wurden mit infogr.am erstellt.

1 comment
  1. @patrick_jaritz says: 18.09.201423.32

    “Wie Zuwanderung #Wien verändert”
    http://t.co/s5Ie1O3cTb

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Kürzlich haben wir auf diesem Blog eine Analyse der Einkommensentwicklung in Wien auf Bezirksebene zwischen 2002 und 2011 präsentiert. Wie hier nachzulesen, zeigt sich, dass es bereits 2002 starke Unterschiede in Bezug auf Einkommen nach Bezirken gegeben hat (bezogen auf durchschnittliches Jahrespersonennettoeinkommen). Seither gibt es Tendenzen zunehmender Polarisierung: Einkommen in ärmeren Bezirken sind weniger stark gewachsen als in reicheren Bezirken. Der 1. Bezirk ist besonders auffallend, mit überproportional starken Einkommenszuwächsen. (Siehe den alten Blogeintrag für methodische Anmerkungen und eine genauere Erläuterung der Ergebnisse).

Basierend auf ein wenig Datenspielerei haben wir unsere Berechnungen jetzt in zweierlei Weise verfeinert. Erstens haben wir die Einkommensdaten inflationsbereinigt, um Schlüsse ziehen zu können über reale Einkommensentwicklungen. Zweitens haben wir die Veränderungen von 2002 bis 2011 nach Bezirken in einer gemeinsamen Karte dargestellt zum besseren Überblick. (Karte siehe unten)

Das Ergebnis ist interessant. Es zeigt sich, dass nur im 1. Bezirk die realen Einkommen in Wien de facto gestiegen sind. Der 6.7. und 3. Bezirk oszillieren um 0% Veränderung (zwischen -2.5 und +2.5%). In allen anderen Bezirken sind die Einkommen zwischen 2002 und 2011 gesunken.

Die Karte unterstreicht auch die zunehmende Polarisierung: Während tendenziell in den inneren Bezirken (innerhalb des Gürtels) die Einkommen weniger stark sinken, bzw. sogar steigen, fallen sie in den äußeren Bezirken stark ab. Die Verluste sind dabei besonders hoch in 2002 bereits ärmeren Bezirken außerhalb des Gürtels, nämlich dem 10. 12. und 17. Bezirk.

einkommen_inflber2002-2011

Wie derstandard.at berichtet, hat ein Team an der WU übrigens den gleichen Datensatz analysiert. Die Ergebnisse geben zusätzlichen Aufschluss über die Einkommensverteilung INNERHALB der Bezirke. Auf dieser Karte hier, kann man für die einzelnen Bezirke sehen, wie die Einkommensverteilung nach Einkommenssegmenten aussieht. Auffallend ist hier zum Beispiel dass im 1. Bezirk relativ gesehen immer noch viele ärmere Haushalte wohnen, mit einem Jahresnettoeinkommen < 10.000€. Alte Mietverträge zu vergleichsweise günstigen Konditionen spielen hier möglicherweise eine Rolle, dass diese Haushalte noch immer dort wohnen können. Der gleichzeitig hohe Anteil an reichen Haushalten macht den 1. Bezirk übrigens zum ungleichsten in ganz Österreich.

 

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Das IFK veranstaltet in Kooperation mit dem Department für Kulur- und Sozialanthropologie der Universität Wien eine Konferenz zum Thema Krise, Verdrängung, Städte und Migranten. In der Ankündigung heißt es:

The conference will address questions of diversity (including, but not limited to, cultural diversity), as well as social and spatial displacements (including processes of gentrification) that mark contemporary urban life in a variety of cities.

Genauere Informationen gibt es hier, das genaue Programm findet sich hier.

Die Veranstaltung wird auf Englisch abgehalten.

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Dieser Artikel wurde am 2.9.2016 upgedated: Die Zahlen für 2004-2008 wurden aufgrund aktualisierter Datenlage korrigiert.

Problemen rund ums Wohnen wird in Wien in den letzten Monaten zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt. Berichte über steigende Mieten, Leistbarkeitsprobleme oder Konflikte mit Vermieter_innen finden sich fast täglich in den Zeitungen.

Traditionell galt Wien jahrzehntelang als „anders“ im Bezug auf Fragen des Wohnens: Wohnungsprobleme, wie sie in anderen Städten vorherrschten, waren in Wien nur in wesentlich geringerem Ausmaß anzutreffen – nicht zuletzt das Resultat einer umfassenden öffentlichen Regulierung des Wohnungsmarkts, die sich seit den 1920ern im Rahmen des „Roten Wiens“ etabliert hatte. Seit den 1980ern wurde das sozialpolitisch orientierte Wiener Wohnungspolitikregime allerdings zunehmend von Liberalisierungstendenzen erfasst. Schrittweise – und im Einklang mit wohnungspoltischen Trends in anderen Städten – verlässt sich auch Wien zunehmend auf „den Markt“ für die Versorgung mit Wohnraum.

Die steigende öffentliche Diskussion signalisiert, dass sich in dem Kontext veränderter Regulierungsformen auch Probleme rund ums Wohnen in der Stadt verschärfen. Aber während sich die mediale Aufmerksamkeit häuft und sich soziale Bewegungen rund um das Thema formieren (beispielsweise das Bündnis Wilder Wohnen), wird von offizieller Seite der Stadtverwaltung kalmiert und die Existenz von Wohnungsproblemen als Randphänomen bagatellisiert.

Die Serie „Wohnen in Wien – Einblick ins Verborgene“ nimmt diesen Umstand zum Anlass in den nächsten Wochen auf unterschiedliche Dimensionen der Wohnungsproblematik in Wien genauer hinzusehen. In unserem ersten Teil widmen wir uns heute dem Thema Delogierungen.

Teil 1: Delogierungen in Wien

In der Wohnung war die behinderte Frau (Rollstuhl), ein Kleinkind, ein Baby und der Mann. Die 3 anderen Kinder waren in der Schule. Die Frau hat kein Wort Deutsch gesprochen, also gar nicht verstanden, was los war. Nachdem klar war, dass sie freiwillig die Wohnung nicht verlassen werden, wurde erst die Fürsorge geholt (die haben dann auch die Schulkinder von der Schule abgeholt) und dann die Polizei. (…) Jedenfalls ist es einfach traurig zu sehen, wie das Essen noch am Herd steht, die Wäsche in der Waschmaschine liegt, so als würde die Familie jeden Moment heim kommen. Die Eltern wohnen jetzt in einem Obdachlosenheim, die Kinder sind in der Obhut der Fürsorge und das Baby ist bei Pflegeeltern.

– so die anonymen Erzählung einer Mitarbeiter_in einer privaten Hausverwaltungsfirma über ihren ersten Delogierungstermin in einem Onlineforum. Foreneinträge rund um das Thema Delogierung und Räumungsklagen in Wien finden sich im Internet leicht, etwa auf den Seiten www.gericht.at und www.wohnnet.at, geschrieben meist von Betroffenen selbst, die das Internet als (letzte) Möglichkeit der Hilfesuche und Informationsgewinnung nutzen.

Unterschiedliche Legitimationen

Delogierungen können aus rechtlicher Perspektive unterschiedliche Legitimationen haben: Eine Vernachlässigung des Mietobjekts oder unleidliches Verhalten gegenüber der Hausgemeinschaft sind rechtlich mögliche Gründe. Sie geben aber eher selten den Anlass zu einer Räumungsklage. Im Großteil der Fälle, in etwa in 95 % laut Volkshilfe Wien, sind Mietzinsrückstände der Grund für die Einleitung eines Verfahrens. Ab zwei Monaten Mietzinsrückstand können Vermieter_innen laut geltendem Mietrecht eine Räumungsklage beim Bezirksgericht einbringen.

Unterschiedliche Stufen

Von Räumungsklagen betroffen waren im Jahr 2012 in Wien 20.525 Personen (Zahlen laut Justizministerium/ FAWOS). Diese Zahl fluktuiert leicht über die Zeit, bleibt aber mit der Ausnahme einer sprunghaften, kurzzeitigen Zunahme auf über 22,000 im Jahr 2008 seit 2001 im Wesentlichen konstant. In etwa die Hälfte der Fälle betrifft private Mietwohnungen, die andere Hälfte Gemeindebauwohnungen.

Bei Betrachtung von Räumungsklagen nach Bezirken zeigt sich, dass tendenziell der Anteil von Haushalten, die von Räumungsklagen betroffen sind in sozioökonomisch schwächer gestellten – ärmeren – Bezirken höher ist als in sozioökonomisch höher gestellten – reicheren – Bezirken. Prozentuell waren im Jahr 2012 1,2 % der Wiener Bevölkerung von einer Räumungsklage betroffen. Reiche Bezirke wie Hietzing, Josefstadt oder Währing rangieren mit weniger als 1 % betroffener Bevölkerung am unteren Ende. Simmering, Meidling und Margareten liegen mit mehr als 1,5 % am oberen Ende. Am höchsten ist die Betroffenheit überraschenderweise in der Inneren Stadt. Hier haben im Jahr 2012 1,6 % der Bevölkerung – oder 275 Personen – eine Räumungsklage erhalten. Eine mögliche Erklärung könnte darin liegen, dass der Druck auf Immobilienpreise – und damit auf arme Haushalte – in der Inneren Stadt besonders hoch ist.

Eine Räumungsklage ist allerdings nicht unmittelbar mit dem Verlust der Wohnung gleichzusetzen. Sie bedeutet erst einmal, dass es zu einer Anhörung bei Gericht kommt, und entschieden wird, ob die Klage gerechtfertigt ist. Kommt es in dieser Zeit zu einer Einigung der Parteien, beispielsweise durch eine Mietzinsrückzahlung, wird das Verfahren in der Regel eingestellt. Im Falle einer Nichteinigung können die Eigentümer_innen einen Räumungsexekutionsantrag stellen, wenn sich die Mietpartei weigert auszuziehen. Räumungsexekutionsanträge liegen in Wien konstant bei etwa 7.000 Haushalten pro Jahr. Konkret wurden im Jahr 2012 7.270 solcher Anträge eingebracht.

Oftmals kommt es allerdings auch im Falle von gestellten Räumungsexekutionsanträgen noch zu Einigungen oder zu einem Auszug der Mieter_innen vor Vollzug der Räumung. Erst wenn dies nicht passiert, kommt es zur tatsächlichen Räumungsexekution. Im Jahr 2012 wurden in Wien 2.565 Haushalte tatsächlich aus ihrer Wohnung delogiert. Etwa 1.000 Fälle davon betrafen Gemeindebauwohnungen.

Auffallend ist, dass die Gesamtzahl der exekutierten Räumungen seit 2006 im Sinken ist. Währen die Zahl im Jahr 2006 noch über 4.000 lag, ist sie seither mehr oder weniger konstant gesunken (siehe Grafik). Die Ursache für dieses Sinken – vor allem vor dem Hintergrund der gleichbleibend hohen Zahl der eingebrachten Räumungsexekutionsanträge ist unklar. Eine Möglichkeit ist, dass es in einer größeren Zahl von Fällen zwischen Mieter_innen und Vermieter_innen zu einer Einigung kommt vor der Durchführung der Exekution, beispielsweise durch eine effektivere Einmischung der städtischen Wohnungssicherungsstelle FAWOS, die zwischen Mieter_innen und Vermieter_innen vermittelt. Eine andere Möglichkeit ist ein steigender Druck auf Mieter_innen von Seiten der Vermieter_innen in den letzten Jahren, der dazu führt, dass Mieter_innen schon vor Durchführung der Räumung ihre Wohnung verlassen. Hier zeigt sich auch eine Schwäche der Statistik: Eine nicht durchgeführte Räumung heißt nicht automatisch, dass  die Mieter_innen in ihren Wohnungen verbleiben können. Bei Auszug wird die Räumung obsolet – und fließt in die Statistik als nicht durchgeführt ein.

Während die Gesamtzahl der Delogierungen rückläufig, ist, hat sie in den Gemeindebauten in den letzten Jahren rapide zugenommen. Wurden im Jahr 2007 noch 676 Mieter_innen delogiert, waren es 2008 schon 992. Im Jahr 2011 waren es 994.

Zusammenfassend kann folgendes gesagt werden: Auch wenn die Zahl der tatsächlich Delogierten von 2.565 im Jahr 2012 weit unter jener von 20.525 liegt, die mit einer Räumungsklage konfrontiert sind muss die Tatsache, dass mehr als 2.500 Haushalte in Wien jedes Jahr aus ihren Wohnungen delogiert werden als eindeutiges Zeichen eines evidenten Problems gesehen werden. Besonderes Augenmerk sollte dem Gemeindebau – als Sektor mit steigenden Delogierungszahlen – gewidmet werden.

Unterschiedliche Akteur_innen

Eine Delogierung ist ein komplexer Prozess, in dem eine Vielzahl von Akteur_innen beteiligt sind: Mieter_innen, Vermieter_innen, Hausverwaltungen, Gerichte, Hilfestellen, um nur einige zu nennen.

Eine besonders skurril anmutende Blüte der steigenden Zahl an Räumungsklagen in Wien ist die Herausbildung eines eigenen Dienstleistungssegments, das sich dem Thema Delogierungen in Form von spezialisierten Umzugsunternehmen widmet. Eine Internetrecherche führt zunächst zu einem Delogierungsanbieter mit dem paradoxen Namen „Luxusumzug“ und darauf zur Firma ATH Trans, die auf ihrer Homepage verspricht: „Zwangsräumung / Delogierung? Alles kein Problem, wir helfen Ihnen dabei!“ Auch das unschöne Wort „Bestandsfreimachung“ scheint inzwischen aus Deutschland nach Wien gekommen zu sein, wenn die Immobilienfirma und Bauträger „U.M.BAU“ auf ihrer Homepage mit der Abwicklung von Ausmietungen und eben jener Bestandfreimachungen für Hauseigentümer_innen wirbt.

Unterstützung bietet die Stadt Wien im Fall von Räumungsklagen und drohenden Delogierungen durch mehrere Stellen an: Betroffene in Genossenschafts- und Privatwohnungen können sich an FAWOS, eine Stelle der Volkshilfe wenden; für Menschen in Gemeindebauten gibt es Regionalstellen des Amtes für Jugend und Familie und Sozialzentren als mögliche Hilfestellungen. An FAWOS wenden sich im Jahr durchschnittlich 2.500 Personen, die Erfolgsquote liegt bei etwa 70%. Und die restlichen 30%?

Unterschiedliche Effekte

Für die übrigen 30% bedeutet die Delogierung den Verlust der eigenen Wohnung und somit einer der wichtigsten Existenzgrundlagen. Manche kommen bei Verwandten oder Bekannten unter, etwa 40 % in den Wohnungen und Heimen des Fonds Soziales Wien, der Rest landet auf der Straße. Mitzudenken ist dabei, dass die 2.565 Haushalte weit mehr Personen umfassen können, darunter natürlich auch eine große Zahl von Kindern (Daten dazu liegen nur für die Gemeindewohnungen vor, aus denen jährlich etwa 300 Kinder delogiert werden).

Dass die Hilfenetze der Stadt Wien zwar vorhanden, aber nicht ausreichend sind zeigen die 2.565 Wohnungsräumungen im Jahr 2012 erneut – genau 2.565 Delogierungen zu viel! Für Personen, die Hilfe benötigen oder aktiv gegen Delogierungen vorgehen möchte, befindet sich zurzeit eine neue Plattform im Entstehen, deren erstes öffentliches Treffen kurz bevorsteht:

Treffen “Delogierungen stoppen!”:

Sonntag 17.3.2013 19 Uhr, PizzeriA, Mühlfeldgasse 12 / 1020 Wien, Mazzes-Insel.

delo2004-2012
Quelle: Justizministerium, FAWOS, eigene Darstellung.

 

4 comments
  1. @TomRoschanek says: 28.07.201413.23

    facts zu Delogierungen http://t.co/Rf50hL71IH #pizzableibt

  2. @rianhammer says: 03.09.201411.41

    Wohnen in Wien – Einblicke ins Verborgene: Teil 1 Delogierungen | urbaniZm http://t.co/yM9G6JfaUR

  3. […] Kein Hinweis findet sich auch auf die hohe Zahl an Delogierungen, die in Wien stattfinden. Im Schnitt 7 Delogierungen werden pro Tag im Wohnparadies Wien durchgeführt und Menschen verlieren ihr Zuhause, weil sie sich die Miete schlichtweg nicht leisten können. Besonders hohe Zuwächse bei den Delogierungen gab es kürzlich übrigens im Gemeindebau. Wer dazu lesen will klickt hier: KLICK. […]

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Die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlicht dieser Tage eine Serie von Karten zum Thema “Gespaltene Stadt” und fragt sich, ob die Spaltung deutscher Großstädte zwischen 1991 und 2005 zugenommen hat. Vor diesem Hintergrunf werden sechs Großstädte betrachtet: Essen, Frankfurt, Berlin, Köln, Leipzig und Stuttgart.

Die interaktiven Karten zeigen in ihrer Färbung, dass die Spaltung in den untersuchten Städten durchwegs zugenommen hat. Besonders stark sind die Veränderungen laut farblicher Skalierung in Stuttgart und Berlin.

Die Operationalisierung des Konzepts “Spaltung der Stadt” wirft allerdings einige Fragen auf. Die Artikelunterschrift suggeriert, dass es in den Karten um die Veränderung von einkommensbedingter Segregation in deutschen Städten geht, wenn es heißt: “Großstädte teilen sich immer heftiger in arme und reiche Wohnviertel. Unsere interaktive Grafik zeigt an sechs Städten, wie es früher war und wie es heute ist.”

Simpel ließe sich dies zum Beispiel darstellen durch eine Karte mit positiver / negativer Veränderung im Medianeinkommen eines Viertels im Vergleich zum Medianeinkommen in der gesamten Stadt. Verändern sich einige Viertel positiv in ihrer Abweichung und andere negativ, könnte das als ein Indikator für zunehmende Einkommensegregation herangezogen werden. Eine andere Möglichkeit wäre eine Indizierung der Viertel gemessen am reichsten Viertel. Nimmt der Unterschied des Medianeinkommens in ärmeren Vierteln gemessen zum Medianeinkommen im reichsten Viertel ab, kann das als Indikator für eine Abnahme in der Einkommenssegregation herangezogen werden, und vice versa.

Die in der FAZ dargestellten Karten wählen allerdings einen wesentlich simplifizierteren Weg. Die “Spaltung der Stadt” wird operationalisiert durch den Anteil an Sozialhilfeempfängern in einem Viertel. Weisen also im Jahr 1991 zum Beispiel drei Viertel in der Stadt einen Sozialhilfeempfängeranteil > 15 % auf und im Jahr 2005 zum Beispiel fünf wird das – so suggerieren jedenfalls die Karten – als eine zunehmende Spaltung der Stadt interpretiert.

Dieser Schluss scheint allerdings problematisch.  Unklar bleibt beim Heranziehen des Sozialhilfeempfängeranteils, wie sich die Einkommen von denen mit hohem Einkommen verändert haben. Auf Ebene eines Viertels mit steigendem Sozialhilfeempfängeranteil wäre es durchaus möglich, dass auch die Einkommen von jenen mit höherem Einkommen gesunken sind, und daher der steigende Anteil derer mit Sozialhilfe nicht zu einer Spaltung des Viertels geführt hat. Auf Ebene der Stadt ist es ebenso möglich, dass auch in jenen Vierteln in denen sich der Anteil der Sozialhilfeempfänger nicht verändert hat – oder sogar zurückgegangen ist – die Einkommen von höherverdienenden verringert haben – und damit gesamtstädtisch die Einkommenssegregation nicht zugenommen hat. Veränderung von höheren Einkommen sind allerdings mit dem Indikator “Anteil an Sozialhilfeempfängern” nicht abzubilden, schon allein deshalb, weil geringe Veränderungen in hohen Einkommen nicht dazu führen, dass Haushalte unmittelbar zu Sozialhilfeempfängern werden. Die gezogenen Schlüsse erscheinen daher äußerst fragwürdig.

Noch fragwürdiger ist allerdings die auf der problematischen Operationalisierung beruhenden Legendenbeschriftung der Karten. Der Anteil der Sozialhilfeempfänger wird hier abgestuft von niedrig nach hoch wie folgt:

  • Armes Viertel (15 und mehr)
  • Gefährdetes Viertel (10 bis 15)
  • Gutes Viertel (5 bis 10)
  • Reiches Viertel (0 bis 5)

Zwei Problem hierbei: Erstens kann, analog zum oben beschriebenen Beispiel, auf Basis des Indikators “Anteil Sozialhilfeempfänger” kein Schluss gezogen werden über die Einkommenssituation in einem gesamten Viertel. Es ist durchaus möglich, dass in einem Viertel der Anteil der Sozialhilfeempfänger steigt, die Einkommen der reicheren Haushalte allerdings ebenso steigt, und damit das Viertel – im Durchschnitt – reicher (!) wird. Das würde zwar auf eine zunehmden Spaltung des Viertels hinweisen – da aber die Einkommenssituation der reichen Haushalte unbekannt ist, kann nicht der Schluss gezogen werden, dass das Viertel insgesamt ärmer geworden ist.

Das zweite Problem ist ein politisches, nämlich die normative Beschriftung. Die Skala “arm – gefährdet – gut – reich” suggeriert recht eindeutig, dass reiche Viertel gut, arme Viertel schlecht sind. Dieser Kategorisierung fehlt nicht nur der Bezug zur Ausgangsfragestellung, i.e. die Spaltung der Stadt, sondern deutet sie auch darauf hin, dass die Politik danach streben sollte, arme Viertel zu bekämpfen und reiche Viertel zu fördern.

Aus dem amerikanischen Kontext sind Programme bekannt, in denen arme Haushalte in reichere Viertel umgesiedelt werden im Rahmen von Sozialwohnungsbaureduktionsmaßnahmen. Die wissenschaftliche Erkenntnis darüber, dass arme Haushalte besser dran sind, wenn sie nahe bei reichen Haushalten wohnen, als wenn sie nahe bei armen Haushalten wohnen ist allerdings bis jetzt sehr unklar. Im Gegenteil gibt es einige Studien, die die positiven Aspekte von Segregation aufzeigen. Eine andere Variante die Einkommenssegregation zu verringern wird in den Niederlanden seit Jahren versucht. Dort werden systematisch reichere Haushalte in ärmere Viertel gelockt, vor dem Argument dass sie “das Viertel” aufwerten. In der Realität führt die steigende Kaufkraft allerdings nicht nur zu einer Verbesserung der Einkaufs- und Wohnangebote in den Vierteln, sondern macht sie auch zunehmen unleistbar für ursprünglich ansässige, ärmere Haushalte. Eine dritte Variante, “schlechte”, arme Viertel zu verringern, wäre eine Stadt zu fördern, in der nur reiche Haushalte wohnen, arme Haushalte allerdings außerhalb, da sie ja Viertel zu “schlechten” Vierteln machen. Das, allerdings, würde wohl gänzlich der Idee einer ungespaltenen Stadt zuwiderlaufen.

Ein Ergebnis der Untersuchung scheint allerdings klar: die Armut in deutschen Städten nimmt zu. Die räumliche Manifestierung dieser Armut ist ein wichtiges Element. Der Kern ist allerdings die Frage, wie sozialpolitische Maßnahmen ausschauen können um Armut zu verringern. Ein rein räumlicher Fokus greift hier – wie mittlerweile aus unzähligen Studien bekannt – eindeutig zu kurz. Mit geeigneten Maßnahmen zur Verringerung von Armut löst sich auch die Frage von räumlicher Polarisierung – wenn sie denn existiert – und wenn sie denn tatsächlich ein Problem darstellt.

Der Link zu den Karten übrigens nochmal hier.

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Wie bereits im letzten Post “Albtraum Wohnungsmarkt” suggeriert, hat die städtische Wohnungskrise unterschiedliche Dimensionen, die sich nur bedingt lediglich auf Basis der Dimension Einkommen verstehen lassen. Schwangere, alleinstehende Frauen haben vor allem Probleme in Wien eine leistbare Wohnung zu finden, wie im besprochenen Zeitungsartikel dargelegt. Die FAZ beleuchtet heute die Dimension Alter als eine weitere Wichtige. In diesem Video-Kurzbeitrag wird dargelegt, dass es vor allem jüngere Leute sind, die zunehmend unter der städtischen Wohnungsknappheit leiden. Studenten in Hamburg, wie der Beitrag berichtet, haben oft nur die Möglichkeit illegal ein Zimmer unterzumieten um eine Bleibe in der Stadt zu finden.

Der Beitrag thematisiert zwar die Situation in Hamburg, die Debatte ist allerdings nicht nur eine deutsche. Was im akademischen Diskurs als “inter-generationelle Wohnungskrise” diskutiert wird – also dass sich vor allem jüngere Leute Wohnen nicht mehr leisten können – thematisiert zum Beispiel der Guardian hier für Großbritannien vor einigen Wochen. Eine interessante Arte-Doku findet sich hier über die Situation in Frankreich, mit besonderem Bezug auf die Wohnsituation von Kindern. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik mit Bezug auf die Hintergründe der vor allem junge Leute betreffenden Wohnungsprobleme findet sich hier.

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Pew Social & Demographic Trends recently published a study on “The Rise of Residential Segregation by Income” for US-American metropolitan regions. They indicate a major trend towards increased residential segregation.

Download the study here…

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Eine spannende Zusammenstellung von Artikeln über Urbanisierung in China findet sich – frei zum Download – unter dem untenstehenden Link. Die Themen reichen von Migration, Ungleichheit, Armut, und Wohnungsmarkt bis zu allgemeineren Fragen wie der Rolle von “Raum” in chinesischen Städten.

Der Link ist hier: http://eu.wiley.com/WileyCDA/Section/id-812246.html

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Videos of last month’s conference in Paris on “Urban Marginality and the State” are available via the link below.

Opening keynote by Loïc Wacquant

Speakers included: Loïc Wacquant, Fulong Wu, Tom Slater a.o.

Here’s the link: http://www.advancedurbanmarginality.net/urban-marginality-and-the-state.html

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Eine interessante Karte über Lebenserwartung in London, kartiert entlang der London Tube Lines. Die Unterschiede sind eklatant.

Lives on the Line
by James Cheshire & Oliver O’Brien – UCL CASA

Die Karte gibts hier: http://life.mappinglondon.co.uk/

Einen kurzen Artikel der Daily Mail zum Thema hier: http://www.dailymail.co.uk/health/article-2176556/Interactive-tube-map-reveals-stark-inequalities-London-depending-local-station.html

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