urbaniZm

Archive
Tag "Wien"

Kürzlich haben wir auf diesem Blog eine Analyse der Einkommensentwicklung in Wien auf Bezirksebene zwischen 2002 und 2011 präsentiert. Wie hier nachzulesen, zeigt sich, dass es bereits 2002 starke Unterschiede in Bezug auf Einkommen nach Bezirken gegeben hat (bezogen auf durchschnittliches Jahrespersonennettoeinkommen). Seither gibt es Tendenzen zunehmender Polarisierung: Einkommen in ärmeren Bezirken sind weniger stark gewachsen als in reicheren Bezirken. Der 1. Bezirk ist besonders auffallend, mit überproportional starken Einkommenszuwächsen. (Siehe den alten Blogeintrag für methodische Anmerkungen und eine genauere Erläuterung der Ergebnisse).

Basierend auf ein wenig Datenspielerei haben wir unsere Berechnungen jetzt in zweierlei Weise verfeinert. Erstens haben wir die Einkommensdaten inflationsbereinigt, um Schlüsse ziehen zu können über reale Einkommensentwicklungen. Zweitens haben wir die Veränderungen von 2002 bis 2011 nach Bezirken in einer gemeinsamen Karte dargestellt zum besseren Überblick. (Karte siehe unten)

Das Ergebnis ist interessant. Es zeigt sich, dass nur im 1. Bezirk die realen Einkommen in Wien de facto gestiegen sind. Der 6.7. und 3. Bezirk oszillieren um 0% Veränderung (zwischen -2.5 und +2.5%). In allen anderen Bezirken sind die Einkommen zwischen 2002 und 2011 gesunken.

Die Karte unterstreicht auch die zunehmende Polarisierung: Während tendenziell in den inneren Bezirken (innerhalb des Gürtels) die Einkommen weniger stark sinken, bzw. sogar steigen, fallen sie in den äußeren Bezirken stark ab. Die Verluste sind dabei besonders hoch in 2002 bereits ärmeren Bezirken außerhalb des Gürtels, nämlich dem 10. 12. und 17. Bezirk.

einkommen_inflber2002-2011

Wie derstandard.at berichtet, hat ein Team an der WU übrigens den gleichen Datensatz analysiert. Die Ergebnisse geben zusätzlichen Aufschluss über die Einkommensverteilung INNERHALB der Bezirke. Auf dieser Karte hier, kann man für die einzelnen Bezirke sehen, wie die Einkommensverteilung nach Einkommenssegmenten aussieht. Auffallend ist hier zum Beispiel dass im 1. Bezirk relativ gesehen immer noch viele ärmere Haushalte wohnen, mit einem Jahresnettoeinkommen < 10.000€. Alte Mietverträge zu vergleichsweise günstigen Konditionen spielen hier möglicherweise eine Rolle, dass diese Haushalte noch immer dort wohnen können. Der gleichzeitig hohe Anteil an reichen Haushalten macht den 1. Bezirk übrigens zum ungleichsten in ganz Österreich.

 

0 comments add comment...

Wohnen als Ware? Die Ideologie eines neo-liberalen Wohnungsmarkts verbreitet sich schrittweise, auch in Wien. Zum Beispiel, wenn einem das UBahn-Magazin suggeriert, heute sollte sich jeder auskennen darin, wie man am besten seine Rechte als Wohnungseigentümer gegenüber MieterInnen durchsetzt.

 

DSC_0598

0 comments add comment...

Samstag, 16. November 2013, Treffpunkt 12.30 Uhr mit Fahrrad beim Fluc/ Praterstern, 1020 Wien, oder 14.30 Uhr ohne Rad Endstation U2 Seestadt.

Stadterforschung per Fahrrad und zu Fuß zur neuen WU, ins Viertel Zwei und zu Fuß und per Rad in den 22. Bezirk, Stadtentwicklungsgebiet Aspern “Seestadt”.

 

Treffpunkt mit Fahrrad um 12.30 beim Fluc/Praterstern. Weil alles am Weg liegt wird die Route der Stadterforschung (mit Fahrrad) ausgehend vom Praterstern zum Campus der neuen Wirtschaftsuniversität Wien, zum Viertel Zwei, vorbei am Sportclub Hakoah, dem neu geplanten Projekte „Marina City“ und der ÖGB-Zentrale führen. Ab der U2-Station Donaumarina geht’s per U-Bahn bis zur Endstation Seestadt. Um etwa 14.30 sollten die Radler_innen in der Seestadt ankommen, für Leute, die zu Fuß unterwegs sein wollen, ist dies der allgemeine Treffpunkt

Einige Infos zur “Seestadt” Aspern

2008 wurde das Stadtentwicklungsgebiet Flugfeld Aspern “gebrandet” und heißt seitdem “Die Seestadt”. Ein neuer “lebenswerter, attraktiver, multifunktionaler, moderner, innovativer Stadtteil mit überregionaler Bedeutung” soll dort in den nächsten Jahren entstehen. Die Linie U2 wurde im Oktober 2013 dorthin verlängert, ein innovatives Konzept für die Stadterweiterung Wiens soll umgesetzt werden. Die “Wien 3420 Aspern Development AG” versucht über diverse Veranstaltungen symbolisches und kulturelles Kapital auf die Brache zu holen. Damit wird bezweckt, keinen leblosen Stadtteil am Rande von Wien zu schaffen, sondern Menschen von Beginn an in die Entwicklung und Gestaltung einzubeziehen. Ob das gelingen wird, wird sich zeigen.

Mittlerweile sind einige Bauprojekte voll im Gang. Ein Infopoint in Form eines Containerdorfes und das sogenannte Flederhaus stehen am ehemaligen Flugfeld und sollen die Bürger_innen über die Baumaßnahmen informieren. Als erstes Gebäude wurde im Oktober 2012 das Technologiezentrum “Aspern IQ” eröffnet. Ansonsten: eine großteils weite, freie Fläche, auf der noch die Reste des früheren Flughafen Aspern zu erkennen sind. Und ein interessanter Ort, wenn man bedenkt, welche stadtplanerischen, verkehrstechnischen, umweltpolitischen und sozialen Folgen dieses Projekt haben wird.

Am süd-östlichen Ende der „Seestadt“ steht der Wagenplatz Gänseblümchen. Nachdem bis September 2013 nicht klar war, ob der Wagenplatz weiter dort stehen kann, ist der Aufenthalt mittlerweile mittelfristig gesichert.

Zur Geschichte von Aspern:

In Aspern wurde nach österreichischer Geschichtsschreibung dem Heer Napoleons im Mai 1809 die erste Niederlage zugefügt, in französischer Geschichtsschreibung wird dieser vermeintliche österreichische Sieg jedoch negiert. Zeug_innen dieser Schlacht sind heute noch der “Löwe von Aspern”, ein Steinmonument am Asperner “Siegesplatz”, unweit des Asperner “Heldenplatzes”.

Der Flughafen Aspern wurde 1912 eröffnet und war zu dieser Zeit der größte und modernste Europas. Im II. Weltkrieg war das Flugfeld Aspern Luftwaffenstützpunkt für die Nazi-Flieger. 1945 wurde der Flugplatz von der Roten Armee besetzt und die sowjetische Kommandatur in Aspern eingerichtet. In den 60er und 70er Jahren wurde das Flugfeld auch als Autorennplatz benutzt. 1977 wurde der Flughafen Aspern aufgelassen da Schwechat wichtiger wurde. Seit 1982 befindet sich dort das Werk von General Motors Austria.

Im Südosten des ehemaligen Flugfeldes befindet sich der sogenannte Holocaust-Gedächtniswald. 1987 wurde dort zum Gedenken an die während der Nazi-Diktatur ermordeten jüdischen Wienerinnen und Wiener für jedes Opfer ein Baum gepflanzt.

In Aspern befand sich von September 1944 bis April 1945 ein Zwangsarbeitslager für ungarische Jüd_innen. Es ist jedoch bis heute nicht klar, wo genau sich dieses Lager befand.

Stadterforschungen in Wien und darüber hinaus sollen zur Selbstaneignung von (Stadt-)Geschichte dienen, zur Entwicklung eines kritischen Blicks auf Stadt(-entwicklungen, -planungen) beitragen. Aus verschiedenen Gründen interessante Orte gibt es ja genug. Also: bei Interesse kommen, und wenn wer was über die jeweiligen Orte weiß einfach erzählen.

Kontakt: stadterforschung (at) gmx.at

links:

Stadterforschungen: http://no-racism.net/thema/113

Wagenplatz Gänseblümchen: http://gaensebluemchen.wagenplatz.at

1 comment
  1. Klara says: 20.12.201311.21

    Ich finde es sehr spannend zu lesen, was war, wo etwas entsteht, welche Geschichte dahinter steckt! Ich bin etwas zwiespältig was Aspern betrifft, ich habe kurz überlegt, ob ich mich dort um eine Wohnung umschauen soll, habe auch von diese Studentenwohnungen/Containern aus Holz erfahren. Einerseits finde ich es recht spannend, ich glaube es hat dort auch einige provisionsfreie Immobilien gegeben, um es schmackhafter wird dorthinzu ziehen. Ich bin gespannt, wie sich dieser Stadtteil entwickelt!
    Lg Klara

add comment...

Radio dérive hat sich dem Thema Gentrification in Wien gewidmet und letzten Dienstag eine Sendung zum Thema ausgestrahlt. Neben einem Studiogespräch mit Mara Verlic und Justin Kadi gibt es kurze Radioclips von Studierenden der TU Wien zu hören, die sich im Rahmen der Lehrveranstaltung “Gentrification – Key concepts and current debates” im letzten Semester  Gentrifizierungsprozessen rund um den Karmelitermarkt gewidmet haben.

Nachzuhören gibt es die Sendung hier: http://cba.fro.at/244612

Die Sendungsbeschreibung liest sich wie folgt:

Gentrifizierung: Unfair, aber normal? 
Int. Diskurse, Widerständigkeiten, politische Verantwortung

Gentrifizierung ist als Schlagwort im Zusammenhang mit städtischen Entwicklungen in aller Munde. Der wissenschaftliche Begriff zur Beschreibung von Aufwertung und Verdrängung ist in Folge der Etablierung der unternehmerischen Stadt wie auch im Zuge der Finanzkrise im allgemeinen Diskurs angekommen: Kein Artikel zu Wohnungsmarkt und Immobilienkrise ohne Gentrifizierungsbegriff.

Dabei herrscht international nach wie vor ein Ringen um die Bedeutungshoheit: Von der kritischen Stadtforschung eindeutig  als unerwünschtes und für die Entwicklung der Städte und ihre BewohnerInnen negatives Phänomen eingestuft, wird speziell im anglo-amerikanischen Raum versucht, Gentrifizierung positiv zu besetzen: Aufwertung als Glücksversprechen an die Stadt und ihre BewohnerInnen – oder zumindest an jene, die es sich leisten können.

Grundsätzlich befindet sich die kritische Gentrifizierungsforschung in einem Dauerdilemma: Sobald nachweisbar, ist es für die Stadtviertel bereits zu spät. Auch in Wien, wo von offizieller Seite beharrlich darauf verwiesen wird, dass die Uhren aufgrund der großen Wohnbautradition grundsätzlich anders ticken, fehlt es an substanziellem Datenmaterial, um wissenschaftlich fundierte Aussagen zu treffen. Doch die Zeichen häufen sich, dass sich auch in Wien immer weniger Menschen zentrale Wohnungslagen leisten können und Verdrängung schleichend stattfindet.

Radio dérive im Gespräch mit den StadtforscherInnen Mara Verlic und Justin Kadi von der TU Wien über internationale Gentrifizierungsdiskurse, Wiener Besonderheiten, neoliberale Wohnpolitik, Widerstand und politische Verantwortlichkeiten. (http://cba.fro.at/244612)

1 comment
  1. robert poth says: 03.09.201301.17

    Ich wohne seit fast 30 Jahren im Yppenviertel/Brunnenviertel, das ja auch seit Jahren “aufgewertet” wird. Meinem zunehmenden Ärger über die laufenden Prozesse und die Rahmenbedingungen (Wohnbau-/Wohnungspolitik etc.) habe ich mittlerweile versucht, in Form von Videos Luft zu machen. Das sind natürlich amateurhafte Hüftschüsse. Aber vielleicht führen sie dazu, dass diesbezüglich einmal etwas Gewichtigeres produziert wird. Die ersten beiden Videos (“going bobo”) gibt’s auf Youtube; bloß Yppenviertel” eingeben.

add comment...

Werbefahrt mit Präsentationen!

Stadterforschung per Rad und zu Fuß zu selbstorganisierten und unabhängigen Archiven und Bibliotheken in Wien. Treffpunkt: Samstag, 22.06.2013, 13.30 Uhr bibliothEKH, Wielandgasse 2 – 4, 1100 Wien.

Folgende Archive und Bibliotheken werden im Rahmen der Stadterforschung besucht (Einstieg bei jeder Zwischenstation möglich, es wird eine Fahrrad- und eine FußgängerInnen-Gruppe geben):

Bring your own Bike/Heizdecke/Wanderschuhe!

 

13.30 Uhr

bibliothEKH

Wielandgasse 2 – 4, 1100 Wien

15 Uhr

Bibliothek von unten, Archiv der sozialen Bewegungen

Wipplingerstrasse 23, 1010 Wien

16.30 Uhr

Anarchistische Bibliothek & Archiv

Lerchenfelderstraße 124 – 126/3/1A, 1080 Wien

18 Uhr

Archiv der Wiener Punkbewegung

Johnstrasse 45, 1150 Wien

 Über die Initiative Radikal hat Bestand

„Wir verstehen uns als Kooperation selbstorganisierter, unabhängiger Archive und Bibliotheken in Wien – hervorgegangen aus privaten beziehungsweise projektbezogenen Sammlungen und dem Wunsch nach Kollektivierung, sowie der Notwendigkeit, die eigene Geschichte zu dokumentieren und zugänglich zu machen.

Utopien einer befreiten Gesellschaft, die Versuche ihrer Umsetzung und vielfältige Formen des Protestes und Widerstands sollen verbreitet und reflektiert werden statt in Vergessenheit zu geraten. Ihre Darstellung und Aufarbeitung darf nicht den Herrschenden überlassen werden. Denn eine kritische Erinnerung sowie die Verbindung von Gewesenem und Aktuellem vermag anzuregen, Perspektiven zu vermitteln und Kraft für soziale und politische Kämpfe zu geben.

Archive und Bibliotheken sind mehr als Räume reinen Wissenserwerbs. Für uns sind sie genauso Orte, um zu kommunizieren und zu diskutieren, Infos auszutauschen, zu schmökern, neue Zusammenhänge zu entdecken, Zeit miteinander zu verbringen…
Die Freihandaufstellung macht die Bücher unmittelbar zugänglich, aber auch Flugblätter, Plakate und Zeitschriftenartikel, die sonst nirgendwo erhältlich sind, lassen sich mit persönlicher Beratung in den Archiven aufstöbern.

Auf der Website http://radikalhatbestand.noblogs.org findet ihr Beschreibungen der einzelnen Projekte, Öffnungszeiten und Adressen: Kommt vorbei!“

Stadterforschungen in Wien und darüber hinaus sollen zur Selbstaneignung von (Stadt-)Geschichte dienen, zur Entwicklung eines kritischen Blicks auf Stadt(-entwicklungen, -planungen) beitragen. Aus verschiedenen Gründen interessante Orte gibt es ja genug. Also: bei Interesse kommen, und wenn wer was über die jeweiligen Orte weiß einfach erzählen.
Kontakt: stadterforschung (at) gmx.at

Recht auf Stadt!

Links und Kontakt:

BibliothEKH: bibliothEKH@riseup.net

Bibliothek von unten: info@bibliothek-vonunten.org, www.biblioweb.at/bibliothekvonunten

Archiv der sozialen Bewegungen: archiv.wien@gmx.at

Anarchistische Bibliothek & Archiv: info@a-bibiothek.org, www.a-bibliothek.org

Archiv der Wiener Punkbewegung: archivderwienerpunkbewegung@riseup.net

Stadterforschungen: http://no-racism.net/thema/113/

0 comments add comment...

Samstag, 20. April 2013, Treffpunkt 12.30 Uhr beim Fluc/ Praterstern, 1020 Wien.
Stadterforschung per Fahrrad in den 22. Bezirk, Stadtentwicklungsgebiet Aspern “Seestadt” und Wagenplatz Gänseblümchen.

Weil alles am Weg liegt wird die Route der Stadterforschung (mit Fahrrad) ausgehend vom Praterstern vorbei an der Baustelle der neuen Wirtschaftsuniversität Wien, zum Viertel Zwei, vorbei am Sportclub Hakoah und der ÖGB-Zentrale, über die Praterbrücke und entlang der U2 in Stadlau führen.

Der Wagenplatz Gänseblümchen

Dem Wagenplatz Gänseblümchen wurde im Juli 2012 ein Grundstück in der “Seestadt” Aspern in Aussicht gestellt, dann aber doch verweigert. Die Seestadt argumentierte mit zu wenig Platz und Sicherheitsproblemen. Nach einem Monat Demonstration am Straßenrand und kritischer Nachfrage von einigen Medien, wurde dem Wagenplatz für zwei Monate (August bis September 2012) eine kleine Fläche zur Verfügung gestellt. Diese Zeit sollte genutzt werden um in Kooperation mit der Stadt eine längerfristige Lösung für den Wagenplatz zu finden.

Daraus wurde schlussendlich nichts und die Gruppe musste zurück auf die Straße (Oktober bis Dezember 2012) um von dort wieder auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Nach zähen Verhandlungen und weiteren Anfragen verschiedener Medien wurde erneut kurzfristig die Überwinterung in der Seestadt ermöglicht. In Gesprächen hieß es anfänglich sogar, dass eine längerfristige Lösung in der Seestadt ermöglicht werden könnte.

Am 05. April 2013 musste der Wagenplatz nun erneut seinen Standort wechseln. Aus der Presseaussendung:

“Ganz offensichtlich sind Menschen, die in Wagen leben, in Österreich und insbesondere in Wien immer noch nicht wünschenswert.

Für die Entwicklungsgesellschaften ist der Wagenplatz eine Gefahr, das Bild einer sauberen und modernen Stadt zu stören. Dabei wird das Top-Down-Planungskonzept auch von vielen Fachleuten als zu steril kritisiert. Bottom-Up organisierte Inseln, wie der Wagenplatz Gänseblümchen, wären ideal um auch natürliche Stadtentwicklungsprozesse anzustoßen.

Hier will eine private Gesellschaft, die 3420 Aspern Development AG, beim Stadtbauen lieber ungestört bleiben: Rechtlich seien sie den Gänseblümchen gegenüber zu nichts verpflichtet, heißt es. Die private Besitzerin, die Wirtschaftsagentur Wien, brauche keine Argumente. Wer trotzdem welche hören möchte bekommt zu hören ‘Hier ist kein Platz’ oder ‘Es ist viel zu gefährlich’.

Dabei präsentiert sich hier ein ganz anderes Bild: Freie Flächen gibt es in der Seestadt ohne Ende, das Entwicklungsgebiet umfasst 240 Hektar Acker, von dem derzeit nur ein kleiner Anteil bebaut wird. Die Seestadt versucht sich daher als offenes und partizipatives Projekt darzustellen, um die Aufmerksamkeit und Akzeptanz der Wiener Seele zu erreichen. Wer an dieser Entwicklung aktiv mitmischen will, wird aber vor die Tür gesetzt.

‘Von allen Seiten bekommen wir zu hören wie schade es sei, dass wir es bei der Platzsuche so schwer haben; doch was nützt uns Sympathie und Nettigkeit wenn uns die Verantwortlichen immer wieder auf die Straße setzen?’ so eine Bewohnerin des Platzes.

Wir fordern die Seestadt Aspern auf ihrer Verantwortung als größtes Stadtentwicklungsprojekt nachzukommen, den Wagenplatz Gänseblümchen auf ihrem 240 ha Grundstück zu belassen und damit selbst organisierten Strukturen die Möglichkeit zu geben aktiv an der Stadtentwicklung teilzunehmen.”

Die “Seestadt” Aspern

2008 wurde das Stadtentwicklungsgebiet Flugfeld Aspern “gebrandet” und heißt nun “Die Seestadt”. Ein neuer “lebenswerter, attraktiver, multifunktionaler, moderner, innovativer Stadtteil mit überregionaler Bedeutung” soll dort in den nächsten Jahren entstehen. Die Linie U2 wird im Oktober 2013 dorthin verlängert, ein innovatives Konzept für die Stadterweiterung Wiens soll umgesetzt werden. Mittlerweile versucht die “Wien 3420 Aspern Development AG” über diverse Veranstaltungen symbolisches und kulturelles Kapital auf die Brache zu holen. Damit soll bezweckt werden, keinen leblosen Stadtteil am Rand von Wien zu schaffen, sondern Menschen von Beginn an in die Entwicklung und Gestaltung einzubeziehen. Ob das gelingen wird, wird sich zeigen.

Viel ist vom neuen Stadtteil bis jetzt nicht zu sehen. Ein Infopoint in Form eines Containerdorfes und das sogenannte Flederhaus stehen am ehemaligen Flugfeld und sollen die Bürger_innen über die geplanten Baumaßnahmen informieren. Die U2-Endstation ist beinahe fertig, der zur “Seestadt” gehörende namensgebende künstliche See spiegelt ruhig vor sich hin. Als erstes Gebäude wurde im Oktober 2012 das Technologiezentrum “Aspern IQ” eröffnet. Ansonsten: eine weite, freie Fläche, auf der noch die Reste des früheren Flughafen Aspern zu erkennen sind. Aber doch ein interessanter Ort, wenn man bedenkt, welche stadtplanerischen, verkehrstechnischen, umweltpolitischen und sozialen Folgen dieses Projekt haben wird.

Zur Geschichte von Aspern:

In Aspern wurde nach österreichischer Geschichtsschreibung dem Heer Napoleons im Mai 1809 die erste Niederlage zugefügt, in französischer Geschichtsschreibung wird dieser vermeintliche österreichische Sieg jedoch negiert. Zeug_innen dieser Schlacht sind heute noch der “Löwe von Aspern”, ein Steinmonument am Asperner “Siegesplatz”, unweit des Asperner “Heldenplatzes”.

Der Flughafen Aspern wurde 1912 eröffnet und war zu dieser Zeit der größte und modernste Europas. Im II. Weltkrieg war das Flugfeld Aspern Luftwaffenstützpunkt für die Nazi-Flieger. 1945 wurde der Flugplatz von der Roten Armee besetzt und die sowjetische Kommandatur in Aspern eingerichtet. In den 60er und 70er Jahren wurde das Flugfeld auch als Autorennplatz benutzt. 1977 wurde der Flughafen Aspern aufgelassen da Schwechat wichtiger wurde. Seit 1982 befindet sich dort das Werk von General Motors Austria.

Im Südosten des ehemaligen Flugfeldes befindet sich der sogenannte Holocaust-Gedächtniswald. 1987 wurde dort zum Gedenken an die während der Nazi-Diktatur ermordeten jüdischen Wienerinnen und Wiener für jedes Opfer ein Baum gepflanzt.

In Aspern befand sich von September 1944 bis April 1945 ein Zwangsarbeitslager für ungarische Jüd_innen. Es ist jedoch bis heute nicht klar, wo genau sich dieses Lager befand.

Stadterforschungen in Wien und darüber hinaus sollen zur Selbstaneignung von (Stadt-)Geschichte dienen, zur Entwicklung eines kritischen Blicks auf Stadt(-entwicklungen, -planungen) beitragen. Aus verschiedenen Gründen interessante Orte gibt es ja genug. Also: bei Interesse kommen, und wenn wer was über die jeweiligen Orte weiß einfach erzählen.
Kontakt: stadterforschung (at) gmx.at

links:
Wagenplatz Gänseblümchen: http://gaensebluemchen.wagenplatz.at
Stadterforschungen: http://no-racism.net/thema/113/

0 comments add comment...

Wer Informationen über Wohnen in Wien aus erster Hand der Entscheidungsträger erhalten will, hat heute die Möglichkeit u.a. Stadtrat Michael Ludwig in einem Speeddating in der GB*3/11 zu treffen. Die Einladung liest sich wie folgt:

Technische Neuerungen wie Niedrigenergie- und Passivbauweise, der Wunsch nach Mitbestimmung beim Bau, die Nachfrage nach Wohnungen, die sich flexibel an unterschiedliche Lebensphasen adaptieren lassen, gemeinschaftliche Wohnformen, die Entwicklung von neuen Stadtteilen in teils dicht bebautem Stadtgebiet sind nur einige Aspekte, die das Wohnen in Zukunft prägen werden. Im Rahmen eines Speed-Datings beantworten Expertinnen und Experten aus Politik, Planung, Verwaltung und Forschung Fragen zum Thema.

In jeweils 5-minütigen 4-Augen-Gesprächen haben die BesucherInnen so Gelegenheit, mit verschiedenen ExpertInnen zu sprechen.

Also, für alle, die noch keinen Diskussionspartner über Wohnthemen für heute Nachmittag gefunden haben – auf nach Erdberg, Fiakerplatz 1, 1030 Wien. Folgende ExpertInnen bitten zum Dating:

Michael Ludwig, Wohnbaustadtrat – Kostengünstiges Wohnen
Rudolf Zabrana, Stv. Bezirksvorsteher Landstraße – Entwicklungen im Bezirk
Katharina Bayer, EINSZUEINS Architektur – Baugruppen
Ingrid Farag – Frauenwohnprojekt ro*sa KalYpso
Christiane Feuerstein, Architektin – Generationen-Wohnen
Georg Kogler, trans_city – Smart Wohnen
Maja Lorbek, TU Wien, Abteilung für Wohnbau –Trends im Wohnbau
Gabriele Aigner-Tax, Wohnservice Wien – Wohnberatung und Wohnungsvergabe
Christoph Reinprecht, Universität Wien, Institut für Soziologie – Zukunft des sozialen Wohnbaus
Rudolf Szedenik, s+s Architekten – Passivhaus

0 comments add comment...

Eine Replik auf Planungsstadträtin Maria Vassilakous Kommentar im Standard vom 11.3.2013

Seit Dienstag ist es also offiziell vom Tisch. Keine olympischen Spiele in Wien – zumindest vorerst. Bis die nächste Populismuswelle über uns drüber schwappt und wir vielleicht über Winterspiele abstimmen dürfen. Eines ist allerdings von der kurzen, jedoch intensiven Debatte der letzten Wochen geblieben: ein unangenehmer Beigeschmack in Bezug auf die Wiener Planungskultur. Denn es hat sich gezeigt: wenn wir über olympische Spiele diskutieren, diskutieren wir stets darüber, ob die Planung dafür gerüstet ist. Wieso aber war Olympia in Wien nur eine Frage der Machbarkeit? Wäre es nicht notwendiger gewesen, sich der grundlegenden Frage nach den stadtpolitischen Zielen eines solchen Großevents zu stellen?

Planungsstadträtin Maria Vassilakou, zuletzt brennende Befürworterin der Spiele, versucht sich in ihrem Standard-Kommentar der Frage nach den politischen und planerischen Zielen zu stellen. Was sie damit aber offenbart, ist der Besorgnis erregende Wunsch nach endgültiger Manifestierung einer Stadtpolitik, die sich in Wien schon seit den 90er Jahren breitzumachen begonnen hat.

Olympia als Instrument sozialer Stadtentwicklung?

Wien ist anders. Will man in planungspolitischen Debatten zur Stadt Gehör finden, kann man sich diesem Common Sense offenbar nicht entziehen. Und Vassilakou weiß offenbar sehr genau, was dieser Common Sense umfasst: von leistbarem Wohnraum über freien Bildungszugang, bis hin zur Donauinsel als Erholungsraum für alle – die Vizebürgermeisterin nennt sie alle, die sozialpolitischen Errungenschaften der Vergangenheit. Und schafft sich damit in ihrem Kommentar eine schwierige Ausgangsposition für eine Argumentation pro Olympia. Sind olympische Spiele in Wien also gleichbedeutend mit der Sicherung  dieser Hinterlassenschaften und Fortführung dieser Form der sozial orientierten Stadtpolitik? Die Planungsstadträtin lässt diesen Kurzschluss zu und nennt uns zugleich zwei hinterfragenswerte Gründe.

Sport statt Planung!

Vassilakou führt die Fußballeuropameisterschaft 2008 als Vorzeigebeispiel gelungener Stadtentwicklung auf Basis eines Sportevents an. Die EURO 08 hätte nicht nur dem Ausbau öffentlicher Verkehrsinfrastruktur gedient, sondern auch eine – wenn auch temporäre – Verkehrsberuhigung der Wiener Innenstadt gebracht. Während der U-Bahnbau durchaus als positiver Entwicklungsaspekt interpretiert werden kann, wurden gleichzeitig in mehreren Städten massiv öffentliche Gelder in den Ausbau teurer Sportstätten investiert – noch dazu ohne klares Konzept für deren Nachnutzung. Die Einzäunung der Wiener Innenstadt und ihr Umbau zur Fanzone mit Konsumzwang als temporäre Privatisierung und Ausgrenzung par excellence wird dabei gerne ausgespart.

Olympia für eine konsequente Planung?

Von verkehrlichen Belangen bis hin zu ästhetischen Maßnahmen – die Vorbereitung olympischer Spiele in Wien wird als willkommener Impuls für eine sonst, so scheint es, offenbar gelähmte Planung in Wien erachtet. Doch blickt man auf Vassilakous Stadtentwicklungswunschzettel, so gibt es für jeden Punkt bereits aktuelle Beispiele in Wien. Ausbau des öffentlichen Verkehrs? U1-Verlängerung. Neue Stadtteile mit großzügigem Grünraum? Seestadt Aspern. Aufwertung öffentlicher Räume und Plätze? Neugestaltung Schwedenplatz. Architektonische Wahrzeichen? DC Tower und neue Wirtschaftsuniversität Wien. Verkehrsberuhigung? Mariahilferstraße. Nun möge man von den Beispielen halten, was man will. Jedoch zeigen sie deutlich, dass olympische Spiele in planungspolitischer Hinsicht nicht die conditio sine qua non sind, als die sie hier und anderswo gerne dargestellt werden. Interessanterweise ist in diesem Sammelsurium an Verschönerungsmaßnahmen auch keine Rede mehr von den eingangs heraufbeschworenen sozialpolitischen Zielen.

Let’s go neoliberal!

In diesem Licht erscheint eine Olympiabewerbung statt als Fortführung Wiener Stadtentwicklung plötzlich als plumpes Instrument der Legitimation einer grundsätzlichen Neuausrichtung der Stadtpolitik. Olympia soll, so scheint es, als Motor einer Planung fungieren, in deren Zielsetzungen Sozialpolitik keinen Platz mehr hat. Vielmehr geht es um die Durchsetzung einer auf Profitmaximierung ausgerichteten Wachstumspolitik. Städte wie Barcelona oder London haben bereits gezeigt, wie olympische Spiele in den letzten zwanzig Jahren zu einem Instrument einer solchen unternehmerischen Politik geworden sind. Und sie haben die negativen Folgen einer solchen Politik verdeutlicht. Von umfassender Privatisierung und Überwachung des öffentlichen Raums, bis hin zum drastischen Anstieg von Wohnungsmieten und dem damit verbundenen Verdrängungsdruck armer Haushalte und Randgruppen reicht dabei das Spektrum umfassend belegter Beispiele.

Diese evidenten sozialen Problemlagen verschwinden allerdings in der Wiener Debatte hinter dem Nimbus globaler Sichtbarkeit aus dem Fokus der Diskussion und werden zu einer planerischen Mutprobe hochstilisiert. Nach dem Motto: „Olympia in Wien? Des traust di‘ nie!“

 

0 comments add comment...

Dieser Artikel wurde am 2.9.2016 upgedated: Die Zahlen für 2004-2008 wurden aufgrund aktualisierter Datenlage korrigiert.

Problemen rund ums Wohnen wird in Wien in den letzten Monaten zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt. Berichte über steigende Mieten, Leistbarkeitsprobleme oder Konflikte mit Vermieter_innen finden sich fast täglich in den Zeitungen.

Traditionell galt Wien jahrzehntelang als „anders“ im Bezug auf Fragen des Wohnens: Wohnungsprobleme, wie sie in anderen Städten vorherrschten, waren in Wien nur in wesentlich geringerem Ausmaß anzutreffen – nicht zuletzt das Resultat einer umfassenden öffentlichen Regulierung des Wohnungsmarkts, die sich seit den 1920ern im Rahmen des „Roten Wiens“ etabliert hatte. Seit den 1980ern wurde das sozialpolitisch orientierte Wiener Wohnungspolitikregime allerdings zunehmend von Liberalisierungstendenzen erfasst. Schrittweise – und im Einklang mit wohnungspoltischen Trends in anderen Städten – verlässt sich auch Wien zunehmend auf „den Markt“ für die Versorgung mit Wohnraum.

Die steigende öffentliche Diskussion signalisiert, dass sich in dem Kontext veränderter Regulierungsformen auch Probleme rund ums Wohnen in der Stadt verschärfen. Aber während sich die mediale Aufmerksamkeit häuft und sich soziale Bewegungen rund um das Thema formieren (beispielsweise das Bündnis Wilder Wohnen), wird von offizieller Seite der Stadtverwaltung kalmiert und die Existenz von Wohnungsproblemen als Randphänomen bagatellisiert.

Die Serie „Wohnen in Wien – Einblick ins Verborgene“ nimmt diesen Umstand zum Anlass in den nächsten Wochen auf unterschiedliche Dimensionen der Wohnungsproblematik in Wien genauer hinzusehen. In unserem ersten Teil widmen wir uns heute dem Thema Delogierungen.

Teil 1: Delogierungen in Wien

In der Wohnung war die behinderte Frau (Rollstuhl), ein Kleinkind, ein Baby und der Mann. Die 3 anderen Kinder waren in der Schule. Die Frau hat kein Wort Deutsch gesprochen, also gar nicht verstanden, was los war. Nachdem klar war, dass sie freiwillig die Wohnung nicht verlassen werden, wurde erst die Fürsorge geholt (die haben dann auch die Schulkinder von der Schule abgeholt) und dann die Polizei. (…) Jedenfalls ist es einfach traurig zu sehen, wie das Essen noch am Herd steht, die Wäsche in der Waschmaschine liegt, so als würde die Familie jeden Moment heim kommen. Die Eltern wohnen jetzt in einem Obdachlosenheim, die Kinder sind in der Obhut der Fürsorge und das Baby ist bei Pflegeeltern.

– so die anonymen Erzählung einer Mitarbeiter_in einer privaten Hausverwaltungsfirma über ihren ersten Delogierungstermin in einem Onlineforum. Foreneinträge rund um das Thema Delogierung und Räumungsklagen in Wien finden sich im Internet leicht, etwa auf den Seiten www.gericht.at und www.wohnnet.at, geschrieben meist von Betroffenen selbst, die das Internet als (letzte) Möglichkeit der Hilfesuche und Informationsgewinnung nutzen.

Unterschiedliche Legitimationen

Delogierungen können aus rechtlicher Perspektive unterschiedliche Legitimationen haben: Eine Vernachlässigung des Mietobjekts oder unleidliches Verhalten gegenüber der Hausgemeinschaft sind rechtlich mögliche Gründe. Sie geben aber eher selten den Anlass zu einer Räumungsklage. Im Großteil der Fälle, in etwa in 95 % laut Volkshilfe Wien, sind Mietzinsrückstände der Grund für die Einleitung eines Verfahrens. Ab zwei Monaten Mietzinsrückstand können Vermieter_innen laut geltendem Mietrecht eine Räumungsklage beim Bezirksgericht einbringen.

Unterschiedliche Stufen

Von Räumungsklagen betroffen waren im Jahr 2012 in Wien 20.525 Personen (Zahlen laut Justizministerium/ FAWOS). Diese Zahl fluktuiert leicht über die Zeit, bleibt aber mit der Ausnahme einer sprunghaften, kurzzeitigen Zunahme auf über 22,000 im Jahr 2008 seit 2001 im Wesentlichen konstant. In etwa die Hälfte der Fälle betrifft private Mietwohnungen, die andere Hälfte Gemeindebauwohnungen.

Bei Betrachtung von Räumungsklagen nach Bezirken zeigt sich, dass tendenziell der Anteil von Haushalten, die von Räumungsklagen betroffen sind in sozioökonomisch schwächer gestellten – ärmeren – Bezirken höher ist als in sozioökonomisch höher gestellten – reicheren – Bezirken. Prozentuell waren im Jahr 2012 1,2 % der Wiener Bevölkerung von einer Räumungsklage betroffen. Reiche Bezirke wie Hietzing, Josefstadt oder Währing rangieren mit weniger als 1 % betroffener Bevölkerung am unteren Ende. Simmering, Meidling und Margareten liegen mit mehr als 1,5 % am oberen Ende. Am höchsten ist die Betroffenheit überraschenderweise in der Inneren Stadt. Hier haben im Jahr 2012 1,6 % der Bevölkerung – oder 275 Personen – eine Räumungsklage erhalten. Eine mögliche Erklärung könnte darin liegen, dass der Druck auf Immobilienpreise – und damit auf arme Haushalte – in der Inneren Stadt besonders hoch ist.

Eine Räumungsklage ist allerdings nicht unmittelbar mit dem Verlust der Wohnung gleichzusetzen. Sie bedeutet erst einmal, dass es zu einer Anhörung bei Gericht kommt, und entschieden wird, ob die Klage gerechtfertigt ist. Kommt es in dieser Zeit zu einer Einigung der Parteien, beispielsweise durch eine Mietzinsrückzahlung, wird das Verfahren in der Regel eingestellt. Im Falle einer Nichteinigung können die Eigentümer_innen einen Räumungsexekutionsantrag stellen, wenn sich die Mietpartei weigert auszuziehen. Räumungsexekutionsanträge liegen in Wien konstant bei etwa 7.000 Haushalten pro Jahr. Konkret wurden im Jahr 2012 7.270 solcher Anträge eingebracht.

Oftmals kommt es allerdings auch im Falle von gestellten Räumungsexekutionsanträgen noch zu Einigungen oder zu einem Auszug der Mieter_innen vor Vollzug der Räumung. Erst wenn dies nicht passiert, kommt es zur tatsächlichen Räumungsexekution. Im Jahr 2012 wurden in Wien 2.565 Haushalte tatsächlich aus ihrer Wohnung delogiert. Etwa 1.000 Fälle davon betrafen Gemeindebauwohnungen.

Auffallend ist, dass die Gesamtzahl der exekutierten Räumungen seit 2006 im Sinken ist. Währen die Zahl im Jahr 2006 noch über 4.000 lag, ist sie seither mehr oder weniger konstant gesunken (siehe Grafik). Die Ursache für dieses Sinken – vor allem vor dem Hintergrund der gleichbleibend hohen Zahl der eingebrachten Räumungsexekutionsanträge ist unklar. Eine Möglichkeit ist, dass es in einer größeren Zahl von Fällen zwischen Mieter_innen und Vermieter_innen zu einer Einigung kommt vor der Durchführung der Exekution, beispielsweise durch eine effektivere Einmischung der städtischen Wohnungssicherungsstelle FAWOS, die zwischen Mieter_innen und Vermieter_innen vermittelt. Eine andere Möglichkeit ist ein steigender Druck auf Mieter_innen von Seiten der Vermieter_innen in den letzten Jahren, der dazu führt, dass Mieter_innen schon vor Durchführung der Räumung ihre Wohnung verlassen. Hier zeigt sich auch eine Schwäche der Statistik: Eine nicht durchgeführte Räumung heißt nicht automatisch, dass  die Mieter_innen in ihren Wohnungen verbleiben können. Bei Auszug wird die Räumung obsolet – und fließt in die Statistik als nicht durchgeführt ein.

Während die Gesamtzahl der Delogierungen rückläufig, ist, hat sie in den Gemeindebauten in den letzten Jahren rapide zugenommen. Wurden im Jahr 2007 noch 676 Mieter_innen delogiert, waren es 2008 schon 992. Im Jahr 2011 waren es 994.

Zusammenfassend kann folgendes gesagt werden: Auch wenn die Zahl der tatsächlich Delogierten von 2.565 im Jahr 2012 weit unter jener von 20.525 liegt, die mit einer Räumungsklage konfrontiert sind muss die Tatsache, dass mehr als 2.500 Haushalte in Wien jedes Jahr aus ihren Wohnungen delogiert werden als eindeutiges Zeichen eines evidenten Problems gesehen werden. Besonderes Augenmerk sollte dem Gemeindebau – als Sektor mit steigenden Delogierungszahlen – gewidmet werden.

Unterschiedliche Akteur_innen

Eine Delogierung ist ein komplexer Prozess, in dem eine Vielzahl von Akteur_innen beteiligt sind: Mieter_innen, Vermieter_innen, Hausverwaltungen, Gerichte, Hilfestellen, um nur einige zu nennen.

Eine besonders skurril anmutende Blüte der steigenden Zahl an Räumungsklagen in Wien ist die Herausbildung eines eigenen Dienstleistungssegments, das sich dem Thema Delogierungen in Form von spezialisierten Umzugsunternehmen widmet. Eine Internetrecherche führt zunächst zu einem Delogierungsanbieter mit dem paradoxen Namen „Luxusumzug“ und darauf zur Firma ATH Trans, die auf ihrer Homepage verspricht: „Zwangsräumung / Delogierung? Alles kein Problem, wir helfen Ihnen dabei!“ Auch das unschöne Wort „Bestandsfreimachung“ scheint inzwischen aus Deutschland nach Wien gekommen zu sein, wenn die Immobilienfirma und Bauträger „U.M.BAU“ auf ihrer Homepage mit der Abwicklung von Ausmietungen und eben jener Bestandfreimachungen für Hauseigentümer_innen wirbt.

Unterstützung bietet die Stadt Wien im Fall von Räumungsklagen und drohenden Delogierungen durch mehrere Stellen an: Betroffene in Genossenschafts- und Privatwohnungen können sich an FAWOS, eine Stelle der Volkshilfe wenden; für Menschen in Gemeindebauten gibt es Regionalstellen des Amtes für Jugend und Familie und Sozialzentren als mögliche Hilfestellungen. An FAWOS wenden sich im Jahr durchschnittlich 2.500 Personen, die Erfolgsquote liegt bei etwa 70%. Und die restlichen 30%?

Unterschiedliche Effekte

Für die übrigen 30% bedeutet die Delogierung den Verlust der eigenen Wohnung und somit einer der wichtigsten Existenzgrundlagen. Manche kommen bei Verwandten oder Bekannten unter, etwa 40 % in den Wohnungen und Heimen des Fonds Soziales Wien, der Rest landet auf der Straße. Mitzudenken ist dabei, dass die 2.565 Haushalte weit mehr Personen umfassen können, darunter natürlich auch eine große Zahl von Kindern (Daten dazu liegen nur für die Gemeindewohnungen vor, aus denen jährlich etwa 300 Kinder delogiert werden).

Dass die Hilfenetze der Stadt Wien zwar vorhanden, aber nicht ausreichend sind zeigen die 2.565 Wohnungsräumungen im Jahr 2012 erneut – genau 2.565 Delogierungen zu viel! Für Personen, die Hilfe benötigen oder aktiv gegen Delogierungen vorgehen möchte, befindet sich zurzeit eine neue Plattform im Entstehen, deren erstes öffentliches Treffen kurz bevorsteht:

Treffen “Delogierungen stoppen!”:

Sonntag 17.3.2013 19 Uhr, PizzeriA, Mühlfeldgasse 12 / 1020 Wien, Mazzes-Insel.

delo2004-2012
Quelle: Justizministerium, FAWOS, eigene Darstellung.

 

4 comments
  1. @TomRoschanek says: 28.07.201413.23

    facts zu Delogierungen http://t.co/Rf50hL71IH #pizzableibt

  2. @rianhammer says: 03.09.201411.41

    Wohnen in Wien – Einblicke ins Verborgene: Teil 1 Delogierungen | urbaniZm http://t.co/yM9G6JfaUR

  3. […] Kein Hinweis findet sich auch auf die hohe Zahl an Delogierungen, die in Wien stattfinden. Im Schnitt 7 Delogierungen werden pro Tag im Wohnparadies Wien durchgeführt und Menschen verlieren ihr Zuhause, weil sie sich die Miete schlichtweg nicht leisten können. Besonders hohe Zuwächse bei den Delogierungen gab es kürzlich übrigens im Gemeindebau. Wer dazu lesen will klickt hier: KLICK. […]

add comment...

Versammlung am Volkertplatz, 1020 Wien.

Samstag, 19. Jänner 2013, 16 Uhr

immer am 3. Samstag im Monat; “Die Scheiß Miete ist zu hoch Nr. 8” am Samstag, 16. Februar 2013, 16 Uhr Volkertplatz, 1020 Wien.

link: http://pizza.noblogs.org/post/2013/01/14/die-scheis-miete-ist-zu-hoch-nr-7-19-1-2013/

0 comments add comment...