Wohnen in Zeiten von Corona: Drei Bruchlinien der Wohngerechtigkeit

Bleiben Sie zu Hause! – Ist eine der zentralsten Aufforderungen zur Eindämmung der Corona Epidemie. Die Aufmerksamkeit, die dadurch dem Zuhause zukommt, lenkt den Blick auch auf Fragen rund ums Wohnen. Aber was bedeutet zu Hause bleiben für unterschiedliche Menschen und ihre Lebensumstände? Die Epidemie macht soziale Ungerechtigkeiten im Wohnen besonders deutlichEin Beitrag von Mara Verlič.

In vielen Regionen in Österreich, aber gerade auch in Wien, entwickelt sich Wohnen verstärkt zu einem Bereich der sozialen Ungleichheit. Gerade in Zeiten der Krise werden drei Bruchlinien der Wohngerechtigkeit sichtbar.

  1. Unsichere Wohnverhältnisse

In Österreich waren 2018 ca. 22.700 Personen offiziell wohnungslos. Diese Zahl bildet alle Personen ab, die sich im Melderegister offiziell als wohnungslos eintragen haben lassen, und alle, die bei einer Hilfseinrichtung ihren Hauptwohnsitz angegeben haben. Von Expert_innenseite wird jedoch klar betont, dass diese Zahlen die Problematik stark unterschätzen und die Dunkelziffer von Personen vor allem auch in verdeckter Wohnungslosigkeit weit höher ist. Nach Einschätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe betrifft das unsichere Leben auf der Couch bei Familie und Bekannten besonders Frauen. Eine umfassende Erhebung – wie in anderen Ländern – fehlt derzeit in Österreich. Jedenfalls lässt sich von Menschen, die in Wohnungslosigkeit leben oder davon bedroht sind, die Aufforderung im aktuellen Kontext der Epidemie zu Hause zu bleiben, nicht erfüllen. Es bleibt die Wahl zwischen gefährlichen und kalten Schlafplätzen im öffentlichen Raum oder oft dicht belegten Notschlafstellen. An den Vorbereitungen auf einen Ernstfall in den Notschlafstellen wird gearbeitet, doch die finanziellen und personellen Mittel sind begrenzt.

Obwohl natürlich weniger prekär als verdeckte und offene Wohnungslosigkeit, trägt die Durchsetzung von befristeten Mietverträgen als neue Norm zur allgemeinen Steigerung der Unsicherheit im Wohnen bei. Gerade Wien als Mieter_innenstadt ist besonders stark von seit den 1990ern zunehmend befristet vergebenen Mietverträgen betroffen: 2016 waren 34% der bestehenden privaten Mietverhältnisse befristet und bereits 62% der neu abgeschlossenen. Unklarheit über Verlängerung von Verträgen und die sehr reale Gefahr einer Mieterhöhung, gefährden die Stabilität eines Zuhauses für viele – gerade in Zeiten einer Epidemie eine besonders bedrohliche Situation, wie auch Mietervertreter_innen bereits betonen.

  1. Hohe Wohnkostenbelastung

Ein Faktor, der Wohnen zu einer sozialen Herausforderung in jeder Situation machen kann, ist eine zu hohe Belastung durch Wohnkosten. Müssen mehr als 40% des Haushaltseinkommens für Wohnen aufgebracht werden, spricht man von einer Überbelastung. Während im Schnitt in Österreich ca. 7% unter einer Wohnkostenüberbelastung leiden, betrifft es ca. 33% der 1,6 Millionen Menschen, die ohnehin bereits armuts- und ausgrenzungsgefährdet sind. Durch reduzierte Einkommen wegen vermehrter Kurzarbeit oder neuer Arbeitslosigkeit aufgrund der Corona-Krise, ist anzunehmen, dass die Wohnkostenbelastung bei vielen Betroffenen noch weiter steigt. Im Extremfall kann dies zum Verlust der Wohnung führen: ohne Corona-Krise wurden im Jahr 2017 durchschnittlich 7 Haushalte am Tag in Wien aus ihren Wohnungen delogiert. Der Hauptgrund sind Rückstände bei der Mietzinszahlung.

  1. Wohnen in Abhängigkeitsverhältnissen

Besonders gefährdet am Wohnungsmarkt sind jene Personen, für die Wohnen nur durch das Eingehen von Abhängigkeitsbeziehungen möglich wird. Oft ist dies innerhalb von Beziehungen der Fall, wenn die Umstände vor allem Frauen dazu zwingen in psychischen und physischen Gewaltbeziehungen zu bleiben. Neben vielen Komponenten wie der Einkommensverteilung in einer Beziehung und der Kinderbetreuung, ist auch die Frage, wer eine gemeinsam bewohnte Wohnung besitzt oder im Mietvertrag steht zentral.

Auch Menschen, die in rechtlich nicht abgedeckten Untermietsverhältnissen leben, befinden sich in ungesicherten Situationen und sind vom Willen ihrer Vermieter_innen abhängig. Menschen mit geringen finanziellen Mitteln und mit Diskriminierungserfahrungen am Wohnungsmarkt etwa aufgrund von Rassismus und/ oder Homophobie sind vermutlich besonders häufig zum unsicheren Mieten in teilweise stark überbelegten Wohnungen gezwungen.

Schließlich ist auch allgemein die Größe von Wohnungen und der pro Person zur Verfügung stehende Platz von Einkommensverhältnissen abhängig. Die Möglichkeit im Home Office zu arbeiten ist schon per se ungleich gegeben und für Menschen mit höherem Einkommen oftmals leichter umsetzbar. Doch auch die verfügbaren Raumressourcen spielen eine wichtige Rolle, wenn die Wohnung zum Arbeits- und Ausbildungs- und Freizeitort werden muss.

Je prekärer die Wohnsituation, desto höher die Abhängigkeit von anderen Räumen. Öffentliche Räume wie Parks und Spielplätzen, kommerzielle Orte wie Shopping-Center oder Lokale und Arbeits- und Bildungsorte sind wichtig, um einer unsicheren, gewaltvollen, bedrängten und unfreien Situation im Zuhause ausweichen zu können. Das Fehlen solcher Möglichkeit in Zeiten der Epidemie, birgt das Risiko von steigender Gewalt und Konflikten im Wohnraum.

So unterschiedlich die Situationen sind, ob man in unsicheren Wohnverhältnissen, mit zu hohen Wohnkosten oder in Abhängigkeitsverhältnissen lebt, so unterschiedlich und vielfältig sind auch die politischen Antworten und Lösungen, die es braucht. Eine Sache haben jedoch alle diese Umstände gemein: durch die Verfügbarkeit von genug leistbarem und stabilen Wohnraum, könnte man viele diese Situationen entschärfen. Tiefgehende Veränderungen am Wohnungsmarkt sind die Ursachen für prekäre und unsichere Wohnsituationen. Durch eine zunehmende Bedeutung von Wohnen als Finanzprodukt, rückt die Aufgabe der Wohnversorgung für alle Menschen in den Hintergrund. Ermöglicht durch eine Deregulierung des Mietrechtsgesetzes gibt es einen allgemeinen Trend zur Flucht ins Betongold und zum Kauf von Wohnungen als Spekulationsobjekte. Die Folge sind Miet- und Preissteigerungen, die weit über der Inflation und Einkommensentwicklung liegen. Der kommunale und gemeinnützige Wohnbau bietet einen dringend benötigten Ausgleich zu den Entwicklungen am privaten Markt. Nicht zuletzt aufgrund von steigenden Bodenpreisen, kann die Neubauleistung des kommunalen und gemeinnützigen Bereichs jedoch dem Bedarf an leistbaren Wohnungen nicht im ausreichenden Maß nachkommen. Diese Knappheit an leistbaren Wohnungen benachteiligt Haushalte mit geringen Einkommen und bildet den Nährboden für weitere Formen der Diskriminierung. Vor allem aufgrund von Rassismus und Homophobie erleben Menschen Benachteiligungen am Wohnungsmarkt und auch Alleinerziehende und Haushalte mit mehreren Kindern stehen vor Problemen. Die intersektionale Verschränkung mehrere Diskriminierungsformen schafft für manche Bevölkerungsgruppen in der Suche (und im Erhalt) ihres Wohnraums besonders harte Bedingungen. Personen, die am Wohnungsmarkt benachteiligt werden, trifft auch die Corona-Krise besonders hart. In prekären Situationen ist die Aufforderung zu Hause zu bleiben nicht einfach nur eine mühsame Einschränkung von Arbeit und Freizeit, oder gar eine kurzfristige Erleichterung vom stressigen Alltag, sondern rasch eine existentielle Frage.

Langfristige Lösungen bietet eine Politik, die Wohnen als Menschenrecht in den Fokus nimmt. Dazu gehören die stärkere Regulierung des privaten Mietwohnungsmarkts mit klaren Mietobergrenzen für einen größeren Teil des Bestands und die Abschaffung von befristeten Mietverträgen. Ebenso braucht es eine preisdämmende Bodenpolitik und ausreichende Fördermittel, um den kommunalen und gemeinnützigen Wohnungsbereich mit seinen stabilen und relativ gesehen günstigeren Konditionen weiter auszubauen. Ganz zentral sind Programme wie Housing First, die wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen, als ersten sozialpolitischen Schritt (wieder) eine eigene Wohnung geben. Zunächst soll die Wohnstabilität als Basis hergestellt werden und dann kann in anderen Lebensbereichen Hilfestellungen angeboten werden.

Doch auch kurzfristig – mitten in der Epidemie – muss wohnpolitisch auf die verschiedenen Dimensionen der Ungerechtigkeit, die das Gebot des Zuhause Bleibens gerade besonders betont, reagiert werden. Temporäre Maßnahmen, über die schnell nachgedacht werden sollte, sind unter anderem das Aussetzen von Delogierungen, die automatische Verlängerung von befristeten Mietverträgen, eine allgemeine Reduktion des Mietzinses auf kostendeckendes Niveau, die Fortsetzung des Bezugs von Beihilfen ohne Behördengang, finanzielle Unterstützung für Notschlafstellen für Wohnungslose, verstärkte Unterstützung für die Kapazitäten von Frauenhäusern und die Aktivierung von leerstehenden Wohnungen für rasche Housing First Hilfe. Einzelne Schritte in diese Richtung wurden in den letzten Tagen bereits unternommen und sollten weiter ausgebaut werden.

Mara Verlič ist Stadtsoziologin in Wien und arbeitet zu Themen wie sozialräumliche Ungleichheit, Wohnen, Diskriminierung und Partizipation.

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