Die ungleiche Verteilung der Wohnprobleme in Österreich

Die Corona-Pandemie hat in den letzten Wochen verstärkte Aufmerksamkeit auf bestehende Wohnprobleme gelenkt. Das Zurückziehen in die eigene Wohnung als zentrale Strategie zur Infektionsreduktion heißt für viele auch, mehr als üblich mit engen Wohnverhältnissen, dunklen Räumen, oder Lärm auskommen zu müssen. Die Wohnprobleme sind in Österreich allerdings ungleich verteilt. Nicht alle sind gleichermaßen betroffen. Die Notwendigkeit mehr zuhause zu sein, reproduziert somit bestehende Ungleichheiten. Die Grafik veranschaulicht die ungleiche Verteilung der Wohnprobleme mittels eines mehrdimensionalen Wohnproblemindex, der auf Basis der EU-SILC Erhebung 2018 konstruiert wurde. Er ermöglicht eine statistisch belastbare Einschätzung, welche sozialen Gruppen besonders von Wohnproblemen betroffen sind.


Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von Statistik Austria EU-SILC Erhebung 2018 (Statistik Austria, 2019)
* Geringe Fallzahl

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Die Grafik zeigt, dass das Risiko von Wohnproblemen in Österreich betroffen zu sein insgesamt moderat ist (9,7). In fast allen ausgewerteten sozialen Differenzierungen zeigt sich allerdings ungleiche Betroffenheit. Die wesentlichen Ergebnisse:

  • Das Risiko sinkt mit dem Alter. Kinder und Jugendliche sind besonders betroffen.
  • Das Risiko steigt mit der Größe der Gemeinde. Wohnprobleme betreffen vor allem Menschen in Städten und größeren Agglomerationen, insbesondere in Wien.
  • Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft sind wesentlich stärker betroffen als jene mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Das Risiko für Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft außerhalb der EU ist besonders hoch (15,3), im Vergleich zu Menschen mit österreichischer Staatsbürgerschaft (9.0).
  • In Bezug auf den Bildungsstand zeigen sich kaum Unterschiede. Auffallend ist, dass das Risiko mit steigendem Bildungsstand nicht linear sinkt.
  • In Bezug auf die Haushaltsgröße sind insbesondere Einelternhaushalte (= Alleinerziehende) und große Familien (Mehrpersonenhaushalte mit mindestens 3 Kindern) betroffen.
  • Besonders deutlich sind die Unterschiede im Bereich des Einkommens. Menschen mit niedrigem Einkommen (<60% des Medians) haben ein fast doppelt so hohes Risiko von Wohnproblemen betroffen zu sein (12,5) als Menschen mit hohem Einkommen (>180% des Medians) (6,8).
  • Dieses Muster bestätigt sich beim Blick auf ausgrenzungsgefährdete Menschen (EU-Definition Zielgruppe 2020[1]). Armutsgefährdete Menschen haben ein deutlich höheres Risiko (12,5) als die Bevölkerung insgesamt (9,7). Menschen mit erheblicher materieller Deprivation (höchster Grad der Ausgrenzungsgefährdung) haben mit Abstand das höchste Risiko aller sozialen Gruppen (20,7).

Methodik: Der Wohnproblemindex

Bei Wohnproblemen lassen sich zwei Arten unterscheiden: Erstens, Probleme mit der Ausstattung der Wohnung (=Wohnungsprobleme). Zweitens, Probleme in der Umgebung der Wohnung (=Wohnumgebungsprobleme). Für die vorliegende Analyse wurde ein Wohnproblemindex konstruiert, der beides umfasst.

Die EU-SILC Erhebung, die die aussagekräftigste statistische Quelle für Wohnprobleme in Österreich ist, erfasst folgende Dimensionen (mehr Informationen zum EU-SILC Survey hier):

  • Wohnungsprobleme
    • Feuchtigkeit, Schimmel
    • Dunkle Räume
    • Kein WC
    • Kein Bad/Dusche
    • Überbelag[2]
  • Wohnumgebungsprobleme
    • Lärm
    • Luft-, Umweltverschmutzung
    • Kriminalität, Vandalismus

Aus dem Datensatz lässt sich für jede Dimension berechnen, wie viel Prozent einer sozialen Gruppe von einem Wohnproblem betroffen sind. Um ein umfassendes Bild zu bekommen, wurde ein additiver, ungewichteter Index (Wohnproblemindex) gebildet. Dafür werden die Ausprägungen einzelner Indikatoren summiert und durch die Anzahl der Indikatoren dividiert. Als Beispiel: unter Personen mit Pflichtschulabschluss in Österreich haben 8% kein WC, 10% kein eigenes Bad/Dusche und 15% sind von Lärm belastet. Der Wohnproblemindex ergibt sich aus 8+10+15=33/3=11. Das Ergebnis des Index ist ein Wert von 0-100, wobei 0 der niedrigste und 100 der höchste Wert ist. Der Wert lässt sich als Wahrscheinlichkeit lesen, dass eine Person in einer sozialen Gruppe von Wohnproblemen betroffen ist.

In der EU-SILC Erhebung werden jährlich rund 12.500 Personen in Österreich befragt. Bei Differenzierung der Antworten nach sozialen Gruppen ergibt sich bei bestimmten Indikatoren eine geringe Fallzahl, die eine statistisch valide Aussage verunmöglicht. Für die vorliegende Analyse wurden aus diesem Grund folgende Wohnproblemindikatoren aus der Indexbildung ausgeschlossen: Kein WC, Kein Bad/Dusche. Der Index enthält daher folgende Indikatoren[3]:

  • Wohnungsprobleme
    • Feuchtigkeit, Schimmel
    • Dunkle Räume
    • Überbelag
  • Wohnumgebungsprobleme
    • Lärm
    • Luft-, Umweltverschmutzung
    • Kriminalität, Vandalismus

Quellen:

Statistik Austria (2019): Wohnen – Zahlen, Daten und Indikatoren der Wohnstatistik. Statistik Austria: Eigenverlag.

Anmerkungen:

[1] Definiert im EU-SILC wie folgt: „Im Jahr 2010 beschlossene Strategie der EU-Mitgliedstaaten für ein intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum. Die soziale Eingliederung soll bis zum Jahr 2020 insbesondere durch Verminderung der Armut gefördert werden, wobei angestrebt wird, europaweit mindestens 20 Millionen Menschen aus Gefährdungslagen zu bringen. Gemessen wird der Erfolg dieser Strategie an der Anzahl der Personen in Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung, d. h. der Personengruppe, die entweder von Armutsgefährdung oder von erheblicher materieller Deprivation betroffen ist oder in einem Haushalt mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität lebt.“ (Statistik Austria, 2019:67)

[2] Definiert im EU-SILC wie folgt: „Der Indikator orientiert sich am Kriterium der Gemeinde Wien bei der Vergabe von Gemeindewohnungen. Als überbelegt zählt ein Haushalt, wenn die Wohnfläche weniger als 16 m² beträgt, im Mittel weniger als 8 m² pro Wohnraum zur Verfügung stehen oder die Anzahl der Wohnräume im Verhältnis zur Zahl der Personen im Haushalt zu gering ist:

  • • ein Raum für zwei Personen
  • • weniger als drei Räume für drei oder vier Personen
  • • weniger als vier Räume für fünf oder sechs Personen
  • • weniger als fünf Räume für sieben oder acht Personen
  • • weniger als sechs Räume für mehr als acht Personen.

Küchen werden nicht als Wohnräume gezählt.“ (Statistik Austria, 2019: 72)

[3] Der EU-SILC Datensatz ermöglicht eine Auswertung sowohl auf Personen- als auch auf Haushaltsebene. Die vorliegende Auswertung ist auf Personenebene.

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